Interview mit Paul Hemetsberger von dict.cc

dict.cc ist mehr als ein großes Online-Wörterbuch! Vor sieben Jahren startete Paul Hemetsberger in seiner Freizeit den Übersetzungsdienst. Im Interview spricht der Wahl-Wiener über das Konzept, die Konkurrenten von dict.cc und warum ihn Anfragen von Investoren kalt lassen.

Hallo Paul,
wenn du dich kurz vorstellst:
Ich bin Paul Hemetsberger, 32 Jahre alt, Wahl-Wiener und ursprünglich Oberösterreicher, Website-Entwickler seit 1997 und Betreiber von dict.cc.

Kannst du bitte das Konzept von dict.cc erläutern?
Die Idee ist ein Onlinewörterbuch für Übersetzungen, das von Benutzern gepflegt und erweitert wird. Es ist nicht wie Wikipedia oder Wiktionary seitenbasiert, sondern tabellarisch aufgebaut. Im Gegensatz zu anderen Wörterbüchern, die sich seit einiger Zeit auf die Fahnen schreiben, communitybasiert zu sein, dann aber doch Benutzervorschläge “nur” redaktionell einpflegen, wird bei dict.cc der gesamte Prozess – vom Vorschlag über mehrere Prüfungsrunden zum verifizierten Eintrag – durch die Community gemacht. Dafür gibt es ein automatisches Rechtesystem, das auf der Bewertung der bisher eingespeisten Reviews aller Benutzer basiert.

Wer steckt hinter dict.cc?
Dahinter stecke ich, ursprünglich alleine, und seit einigen Monaten auch Muhamed Mesic als Sprachexperte, der sich darum kümmert, dass die vor kurzem eingeführten neuen Sprachpaare sich gut entwickeln. Die stärkste Säule von dict.cc sind allerdings die langjährigen Power-User, die sich mit sagenhaftem Einsatz um die Weiterentwicklung von dict.cc bemühen. Man würde nicht glauben, wie viel sich hinter der Fassade eines “einfachen” Wörterbuchs an Kommunikation abspielt und wie viele Reibungspunkte dabei auch auftreten können. Aber ich denke, gerade das schweißt die dict.cc-Gemeinde zusammen und sorgt dafür, dass das Wörterbuch als Endprodukt wirklich gut ist.

Wie kam es zu der Idee im Herbst 2002?
Die Idee gab es schon viel länger. Ursprünglich (1998) hatte ich vor, eine Art Online-Lexikon zu entwickeln, um während meiner Zivildienstzeit programmiertechnisch nicht aus der Übung zu kommen. Damals hatte ich schon die Idee, das Wissen von Freiwilligen aus aller Welt zu bündeln, inspiriert von Usenet-Newsgroups (kennt heute kaum noch jemand). Leider waren damals meine Programmierkenntnisse noch nicht ausreichend, deshalb musste ich die Umsetzung verschieben.
Die Domain knowhowbase.com habe ich seit 2000 registriert, aber bisher noch nie verwendet. Heute bräuchte ich sie eigentlich nicht mehr, da Wikipedia und Google mit Knol die Idee schon erfolgreich umgesetzt haben.

Aber, um zu 2002 zurückzukommen: In diesem Jahr bin ich über die Vokabeldatenbank der TU Chemnitz gestolpert. Ehrlich gesagt, wäre das nur als eine Art Versuchsballon gedacht gewesen, um meine Idee zu testen. Tja, der Ballon hat sich sehr schnell verselbständigt und die ursprüngliche Idee ersetzt. Der Grundgedanke, die Plattform zur Sammlung von Wissen, lebt in dict.cc weiter.

Wie lange hast du für die Umsetzung benötigt? Wie würdest du die Entwicklung/Wachstum von dict.cc in den letzten 7 Jahren beschreiben?
Bisher habe ich für die Umsetzung sieben Jahre benötigt. ;-)
Im Ernst, ich habe nie aufgehört, an dict.cc herumzuprogrammieren. Es gibt bereits jetzt genügend Wünsche und Ideen, um noch jahrelang weiterzuentwickeln und es kommen ständig neue Wünsche von Benutzern dazu.

Die meisten Benutzer sehen nur die Wörterbuch-Suchergebnisseite. Wenn man sich nur einmal in den Mitmach-Bereich hineinwagt, gibt es noch viele Funktionen mehr. Beispielsweise die Sprachaufnahme: Jeder Benutzer kann direkt bei dict.cc über ein Java-Applet Einträge in seiner Muttersprache vertonen. Diese Aufnahmen werden wiederum von anderen Benutzern geprüft und freigeschaltet oder gelöscht, es wird darüber diskutiert, es gibt ein Interface, um Spammer zu sperren, die Aufnahmen können mehreren Einträgen zugeordnet werden, die Prüfer haben unterschiedliche Rechte, und so weiter. Und an sämtlichen Rädchen muss ich natürlich auch immer wieder drehen, bis die jeweilige Funktion irgendwann gut genug ist.

Das Wachstum: Die Zugriffszahlen haben sich meist jährlich verdoppelt. Mittlerweile dauert die Verdopplung schon etwas länger, das könnte am bereits sehr hohen Niveau liegen. Allerdings könnte das Wachstum bald wieder deutlich zulegen, den Grundstein dafür habe ich vor einigen Monaten mit der Freischaltung der Spracherweiterung gelegt. Momentan haben wir 43 Sprachpaare bei dict.cc, von denen 42 noch in den Kinderschuhen stecken. Sie entwickeln sich aber ständig weiter, derzeit kommen täglich 1000 geprüfte Einträge dazu. Sobald die ersten Sprachpaare umfangreich genug sind, könnte sich das Wachstum vervielfachen. Ich bin gespannt und sehr optimistisch.

dict.cc lebt vom Mitmachen der Anwender. Welche Anreize schaffst du, dass Leute ihre Übersetzungen veröffentlichen?
Das Veröffentlichen, also das Neuvorschlagen von Übersetzungen, ist interessanterweise überhaupt kein Problem. Ich denke, diesbezüglich ist es wohl schon Motivation genug, in dict.cc alle Übersetzungen nachschlagen zu können, die man braucht, also auch die jeweils aktuelle, die man nicht gefunden hat. Ich muss sogar meist das Vorschlagen neuer Übersetzungen künstlich begrenzen, weil die Vorschläge nicht schnell genug abgearbeitet werden können. Für jeden Vorschlag werden mehrere Prüfer benötigt, es dürfen sich aber nicht zu viele ungeprüfte Einträge anstauen, um Teilnehmermotivation und Effizienz des Systems nicht zu beeinträchtigen.

Es gibt ein Ranking unter den Beitragenden, das Qualität und Quantität der Beiträge berücksichtigt. Oft werden hitzige Debatten ausgetragen, um einen Minuspunkt zu vermeiden. Außerdem lernt man als Beitragender andere Sprachbegeisterte kennen und verbessert ganz nebenbei seine eigenen Sprachkenntnisse. Und tatsächlich gibt es auch die Motivation, etwas zurückzugeben, wenn man selbst jahrelang schon von dict.cc profitiert hat.

Wer sind die Konkurrenten von dict.cc? Und wie grenzt sich dict.cc von der Konkurrenz ab?
Das ist schwer zu sagen. Wenn man von einem Deutsch-Englisch-Wörterbuch spricht, denken die meisten Leute immer noch zuerst an Leo oder das Wörterbuch der TU Chemnitz. Aber es gibt noch viele andere und es werden ständig mehr. dict.cc ist selbstbewusst genug, Mitbewerber direkt zu verlinken, wenn mal ein Begriff nicht gefunden wird.

Das wäre schon einmal ein guter Abgrenzungspunkt. Offensichtlich trauen sich andere Onlinewörterbuchbetreiber nicht zu, im Sinne der Nutzer auf Mitbewerber zu verweisen. Außerdem muss man sich bei dict.cc für viele Features nicht extra umständlich registrieren. Das Forum, der Vokabeltrainer und zum Teil auch das Wortschatzsystem lassen sich registrierungsfrei benützen. Für registrierte Benutzer gibt es allerdings Zusatzfunktionen, die sich technisch nicht anders realisieren lassen.

Ein anderer Punkt ist die Finanzierung durch Werbung. Die meisten Internetangebote pflastern ihre Seiten mit Werbung zu, fünf Werbeplätze pro Seite sind keine Seltenheit. Bei dict.cc reicht ein Werbemittel pro Seite, um gut über die Runden zu kommen. Andererseits auch wieder klar, ich muss ja kein großes Redaktionsteam bezahlen.

Das absolute Alleinstellungsmerkmal bei dict.cc ist und bleibt natürlich der Fokus auf die Einbeziehung der User, dadurch bedingt natürlich der größere Wortschatzumfang und eine gewisse persönlichere Note. Als Beispiel möchte ich die Sprachaufnahmen für das englische Wort “tomato” anführen: vier amerikanische und drei britische Muttersprachler haben dieses Wort bereits vertont. Über den jeweiligen Benutzernamen sieht man oft sogar die Region, aus der der Sprecher stammt.

Worauf basiert das Geschäftsmodell von dict.cc? Ist die Plattform rein werbefinanziert?
Die Plattform ist rein werbefinanziert. Google AdSense und fertig – ich muss keine Zeit mit der Suche nach Sponsoren vergeuden, sondern kann mich rein um den Betrieb und die Weiterentwicklung von dict.cc kümmern. Ursprünglich hatte ich sogar versucht, ohne Werbung, nur mit Spenden durchzukommen, das hat aber nicht geklappt.

Mit über 100 Millionen Seitenaufrufen pro Monat gehört dict.cc zu den erfolgreichsten Websites im deutschsprachigen Raum. Gab es schon Übernahme-Angebote von Bertelsmann, Langenscheidt & Co?
Es gab schon eine Anfrage diesbezüglich, von einer Kanzlei, die mir den Namen des Klienten nicht genannt hat. Im Nachhinein denke ich mir, ich hätte bis zur Nennung einer Summe mitspielen sollen, aber ich habe gleich gesagt, dass ich dict.cc nicht hergeben will. Zu dem Zeitpunkt schon gar nicht, da war ich kurz vor meinem lang ersehnten Ziel, die Plattform für andere Sprachen zu öffnen. Vielleicht war ich ein wenig überheblich, das gleich abzulehnen, aber dafür war ich ehrlich.

Ach ja, und ab und zu wollen Investoren einsteigen. Das will ich aber gar nicht – das läuft nur darauf hinaus, dass die Nutzer durch gewinnmaximierende Maßnahmen vergrault werden. No way!

Wie sieht die Wachstumsstrategie von dict.cc aus? Welche Ziele hast du dir für 2010 gesetzt?
Die Strategie war immer schon organisches Wachstum. Abgesehen von kleinen Sponsoring-Aktionen von Events meiner Kollegen aus dem Unternehmerzentrum mache ich keine Werbung. Mein Ziel für 2010 ist, dass ich ein Jahr nach Freischaltung der neuen Sprachen, nach dann acht Jahren ununterbrochener Aufbauarbeit, beweisen kann, dass meine Idee funktioniert.
Danach möchte ich sehen, ob es klappt, zwischendurch mal von woanders aus zu arbeiten und nebenbei ein bisschen die Welt zu erkunden und meine eigenen Sprachkenntnisse zu erweitern.

Wie siehst du die Internetszene in Österreich?
Ich muss zugeben, ich bekomme vielleicht etwas zu wenig von der österreichischen Internetszene mit. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Internetszene für mich nicht an ein bestimmtes Land gebunden ist. Die Zugriffe auf dict.cc kommen beispielsweise zum größten Teil aus Deutschland und die Sites mit den meisten Zugriffen in Österreich meist aus den USA. Trotzdem freut es mich immer wieder, wenn auch in unserem kleinen Land tolle neue Projekte entstehen.

Neben dict.cc wirst du wohl auch noch ein paar andere Seiten besuchen. Verrätst du uns, welche?
Eigentlich nur die üblichen Verdächtigen, von Amazon, Facebook, ORF bis Wikipedia. Dann noch ein paar News-Sites wie Pressetext, Heise oder Gizmag, außerdem natürlich Wörterbuchsites, und danach geht’s schon tief in die Technik rein. Ja, und natürlich internetszene.at! ;-)
Welche Frage würdest du dir gerne selbst noch stellen? Wie lautet die Antwort?
Oh, eigentlich keine – bin wunschlos glücklich. Das war jetzt ohnehin schon ein halber Roman. ;-)

Danke für das Interview!

Das E-Interview führte Thomas Gabriel von Internetszene.at am 11.01.2010.

7 Antworten an “Interview mit Paul Hemetsberger von dict.cc”

  1. Christian R.

    Jan 12. 2010

    Super Interview!
    Sehr interessant einmal die Hintergründe eines solchen Projekts zu erfahren.

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  2. Uwe

    Jan 12. 2010

    …ich werd’ mich gleich als Benutzer bei dict.cc registrieren lassen!

    Ach, geht nicht (zweimal) –> bin ja schon 2 1/2 Jahre dabei!
    ;-)

    Prima Interview!

    Reply to this comment
  3. Daniel

    Jan 13. 2010

    Schönes Interview. Gar nicht gewusst, dass die Site, welche ich auch verwende, ein österreichisches Produkt ist!

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  4. Erwin Comps123

    Mrz 17. 2010

    …super Interview. Der Mann ist anscheinend ein Engel. Wünsche ihm das Beste!
    Ich beschäftige ich auch schon seit 10 Jahren mit dem Erfinden und Umsetzen von Internet-Portalen, und weiß somit Bescheid über Höhen und Tiefen in diesem Business. Bis jetzt hat aber noch keine meiner Ideen abgehoben, naja, stimmt nicht ganz, darf eigentlich nicht klagen, aber wer weiß, vielleicht klappt die nächste Idee wenn ich es einmal im Leben schaffe mich nicht in hundert Ideen zu verzetteln :-) )
    sobald sie online ist, werde ich sie gerne auf internetszene.at vorstellen.

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