Print-Sterben: Chaos bei “Time” und “Financial Times”

Vor gut zwei Jahrzehnten fingen elektronische Texte an, bei der Leserschaft als echte Alternative zu Print zu gelten. Genau so lange ist es her, dass sich die Leute fragen, ob sich Bücher und Zeitungen trotz des E-Booms nicht trotzdem halten könnten. Heute sehen wir zwar Parallelexistenz – doch schaut man sich die Vorliebe der Leser an, wird die Kluft zwischen virtuell und Print immer größer. Im Jänner ging es bei mehreren großen Verlagen drunter und drüber.

Print-Tod durch E-Reader

Das “haptische Leseerlebnis” kann Print wohl nicht retten. © Foto CC flickr/jblyberg

Wenn in Presseaussendungen großer Verlage alle Zahlen auf den Tod von Print hindeuten, betonen die Manager stets im selben Satz die speziellen Werte von Print: das haptische Erlebnis beim Bücherlesen, das physische Umblättern beim morgendlichen Zeitunglesen. Nach einigen Jahren solcher Entwicklungen deutet immer mehr darauf hin, dass es Leserinnen und Leser aber schlicht nicht kümmert, ob sie beim Lesen eines Texts Papier oder ein metallenes E-Lesegerät in der Hand haben. Denn die negativen Zahlen für Print werden negativer.

Jänner 2013: Turbulenzen bei “Time” und “Stern”

Im Jänner entließ der New Yorker “Time”-Verlag fast 500 Mitarbieter, der deutsche “Stern” lässt Print-Redakteure nun auch online machen und Amazons Handel an Büchern aus Papier steht still. Die jeweilige Beliebtheit von Print-Massenmedien und Büchern schlittern im Parallelslalom talwärts: Beide Industrien nennen als Überlebensrecht das einzigartige Leseerlebnis. Quartal für Quartal wird klarer, dass da nichts dran ist.

Time Inc. entlässt fast 500

Der US-Verlag Time Inc., bekannt vor allem für “Time”, “Sports Illustrated”, “Fortune” und “People” gab vorletzte Woche bekannt, dass er etwa 480 Mitarbeiter entlasse. Bislang hatte der Verlag rund 8000 Beschäftigte. Als Grund nennt Verlagschefin Laura Lang, dass die “bedeutenden und andauernden Veränderungen in unserer Branche” dazu führten, dass sie ihr Unternehmen “schlanker” und “multimedial” machen müssten. Man würde aber alle Zeitschriften weiterhin herausgeben. 2012 sanken für Time Inc. Abonenntenzahlen und Anzeigenkunden.

“Stern” lässt Print-Redakteure Online machen

Beim Hannoveranischen Wochenmagazin “Stern” will man das Problem europäischer lösen: Anstatt Mitarbeiter zu entlassen versucht man dort, Print-Zuständige einfach im Onlinebereich einzusetzen. Wie die Chefredakteure Mitte Jänner bekanntgaben, würden die Online- und Print-Redaktionen des Magazins “im Laufe dieses Jahres” in eine gemeinsame Organisationsstruktur verschmelzen. Die einzigen Aufteilungen seien dann inhaltliche: Deutschland, Welt, Leben, Wissen.

“Financial Times” will verkabeln, nicht verkaufen

Um die britische “Financial Times” kreisen hartknäckige Gerüchte um einen Verkauf. Herausgeber Lionel Barber zeigt sich entschlossen dagegen – indem er  Energien auf Online verschiebt: “Wir müssen sicherstellen, dass wir zuerst unsere digitale Plattform mit Inhalt beliefern – und die Printausgabe erst danach.” Zwar werden nicht wie beim “Stern” Büroschilder ausgetauscht, sondern der Digital-Fokus einfach intern kommuniziert – Barber teilt seinen Mitarbeitern mit: “Unsere Konkurrenten nutzen die neuen Technologien, um das Nachrichtengeschäft mittels Social Media und der Personalisierung für die Leserschaft zu revolutionieren”.

Amazon: E-Book-Handel wächst weiter

Ähnlich wie in den Büros der Print-Massenmedien geht es in den Buchverlagen zu. Der führende Buchhändler Amazon hat sich – zum Glück, wie das Unternehmen heute weiß – viele Standbeine Außerhalb des Buchhandels gesetzt. Der stagnierte vergangene Weihnachten mit 5% Wachstum nämlich träger vor sich hin als je zuvor: Noch nie seit der Gründung sah Amazon den Buchandel so langsam wachsen. Ob die Menschen weniger lesen? Der 2012 um rund 70% gewachsene E-Book-Handel beantwortet die Frage.

Zu Zeiten, wo Amazon noch hauptsächlich Bücher verkaufte startete übrigens “Der Standard” mit derstandard.at sein Webangebot – noch vor etwa den “Financial Times” und laut Eigenangabe als erstes deutschsprachige Zeitung.

Eine Antwort an “Print-Sterben: Chaos bei “Time” und “Financial Times””

  1. Sebastian

    Feb 11. 2013

    “Chaos bei ‘Financial Times’” ist aus meiner Sicht ein völlig falscher Titel: Wohl kaum ein anderes Medium weltweit vollzieht derzeit den Umstieg von Print auf Digital so intelligent, strukturiert und erfolgreich wie die britische Financial Times. Da kann sich der Rest der Medienwelt ein Beispiel nehmen.

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