Die totale Selbstkontrolle durch High-Tech-Wanzen: Sind Ärzte bald überflüssig?

Internationale Speaker waren beim Kick-Off-Event der Tech Natives auf dem E-Day 2013 zu Gast. Fredrik Deong (mySugr), Alexander Oswald (Futura GmbH), Aleksandar Stojanovic (Razorfish Healthware) und Bernhard Osen (Chefarzt der Schön Klinik Bad Bramstedt) diskutierten am 7. März 2013 über den aktuellen Startup-Trend „Quantified Self“, dessen Entwicklungspotential und den sinnvollen Umgang mit Nutzerdaten.

Quantified Self – die totale Selbstkontrolle

Peter ist mit runtastic.com 10,34 Kilometer in 1:02:39 gelaufen und hat dabei 842 kcal verbrannt. Solche Nachrichten lesen wir ständig im Social Web. Unsere Reaktion ist meist ein simples Achselzucken. Doch was steckt wirklich hinter dem Trend zur Selbstkontrolle? Sind diese Leute zwangsgestört? Oder können die Tools zum Selbst-Tracking doch mehr und vor allem Sinnvolles leisten? Wo liegt das Potential für Startups und wie sieht die zukünftige Entwicklung aus? Und wie sicher sind all die Daten, die User weltweit sammeln?

Diesen Fragen gingen die Tech Natives nach und ließen bei ihrem Kick-Off-Event am E-Day 2013  internationale Speaker vor rund 70 Zuhörern zum Thema „Quantified Self – die totale Selbstkontrolle“ diskutieren. Zu Gast waren der Gründer der Diabetes-App mySugr Fredrik Debong, Alexander Oswald, ehemals Marketingchef von Nokia, jetzt Managing Partner der Futura GmbH, Aleksandar Stojanovic, Digitalstratege bei Razorfish Healthware sowie Bernhard Osen, Psychiater und Chefarzt der Schön Klinik in Bad Bramstedt. Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von dem IT-Journalisten und Experten für Neue Medien Jakob Steinschaden.

Mit High-Tech-Wanzen zur digitalen Wertschöpfungskette

Ob nun gerannte Kilometer, gestiegene Stufen oder geschwommene Bahnen – Sensoren zum Selbst-Tracking und der digitale Vergleich mit anderen gehört für viele zum Training dazu. Aber für die „High-Tech-Wanzen“ ist noch weitaus mehr messbar: die Hirnströme im Schlaf zum Beispiel oder der Pulsschlag, der Menstruationszyklus, der Blutzuckerspiegel und auch die Intensität der Pollenallergie.

Die digitale Wertschöpfungskette

„Alles ist messbar“, meint Alexander Oswald, Futura GmbH. Und wer seine Aktivitäten und Vitalitätswerte misst und dokumentiert, erziele damit entscheidende persönliche Vorteile. Oswalds Statement: „Lässt sich etwas messen, lässt sich auch mehr daraus machen.“ Eine digitale Wertschöpfungskette zum Beispiel. Die direkte Kundenbindung durch Datensammlung bringe einen individuellen Nutzen für Kunden und vor allem Wettbewerbsvorteile für Unternehmen.

Stojanovic: „Das find ich geil. Das will ich haben“

Besonders im sportlich-medizinischen Sektor kommen vermehrt Apps auf den Markt. Aktuell setzen immer mehr Startups also auf den Drang von Menschen, sich selbst zu kontrollieren. Aleksandar Stojanovic nennt sich Daten-Humanist und Querdenker. Er befasst sich mit den ethischen Grenzen von Quantified Self (QS) und ist selbst überzeugter Nutzer. Die ihm drohende Diabetes-Erkrankung hat er erfolgreich bekämpft. Die drastische Gewichtsreduktion hat er seinen QS-Gadgets zu verdanken – da ist sich Stojanovic sicher, denn: „Die Daten dazu hat mir kein Arzt gegeben. Die habe ich mir selbst geholt.“

Selbst-Tracking hat Suchtpotential

Mittels Selbst-Tracking versuchen Selbstoptimierer, Daten im eigenen Körper und das Unterbewusstsein zu erfassen. Das seien Anzeichen von krankhaftem Zwangsverhalten. „Was ich zum Beispiel in Portalen für das Selbst-Tracking von Essverhalten lese, klingt ähnlich wie die Berichte von Essgestörten“, erklärt Osen, Facharzt für Psychiatrie. Übertreibt man QS, gehe die Selbstwahrnehmung verloren. Solches Verhalten birgt Suchtpotential, warnt Osen.

Spezial-Apps für chronisch Kranke

Für chronische Kranke können spezielle Apps jedoch zu wichtigen Begleitern im Alltag werden. Sie seien auf Selbst-Tracking als lebensverlängernde Maßnahme angewiesen, so mySugr-Gründer Debong. Er selbst ist seit frühester Kindheit Diabetes-Patient und deshalb „unfreiwillig quantified“. „Ich bin datengetrieben, aber ich bin auch Mensch“, so Debong. mySugr hat zur permanenten Kontrolle des Blutzuckerspiegels eine Diabetes-App entwickelt. Ziel ist es, aus medizinischer Sicht die Feedback-Loops zu kürzen, damit Patienten schneller reagieren können und Fehlverhalten vermeiden.

Quantified Self, der große Trend der digitalen Zukunft

Der Trend gehe derzeit tatsächlich hin zu einer „personalisierten Medizin“, so Osen. Dass Ärzte in Echtzeit Daten auf den Schirm bekommen, die User zusammentragen, ist technisch durchaus keine Utopie mehr. Problematisch bei der Nutzung für die Wissenschaft seien Osen zufolge allerdings die Interpretation und Qualität der Daten. Auch aus Business-Sicht sei Qualität eine der härtesten Nüsse, die beim Markteinstieg zu knacken sind.

Bei mySugr hat der Weg bis hin zur offiziellen Zertifizierung beispielsweise zwei Jahre gedauert. Um die Skepsis gegenüber Datenmissbrauch zu vermindern, müssen Startups vor allem transparent sein und Klarheit bei den Usern schaffen, sind sich die Diskutanten einig. Die Datenerfassung stecke allerdings noch in den Kinderschuhen. Das lässt viel Raum für Spekulation über die zukünftige Entwicklung von QS.

Kostenloser Stream + Folien zum Download

Wer die Veranstaltung verpasst hat, kann sich auf eday.at den Stream ansehen. Auch die Slides stehen zum Download zur Verfügung.

Spannend geht es am 22. April 2013 beim nächsten Event der Tech Natives weiter – mit dem Thema „Artificial Intelligence“. internetszene.at wird mit dabei sein.

Eure Meinung: Wie weit darf die totale Selbstkontrolle führen? Was bedeutet diese Entwicklung für Ärzte?

Rückverfolgungen/Pingbacks

  1. E-Day 2013: Tech Natives lassen internationale Speaker zu “Quantified Self” diskutieren | internetszene.at - 11. März 2013

    [...] Zum Nachbericht Tags: Aleksandar Stojanovic, Alexander Oswald, Bernhard Osen, E-Day 2013, Event, featured, Frederik Debong, futurama-comm, Jakob Steinschaden, mySugr, Podiumsdiskussion, Quantified Self, razorfish, Tech Natives Tweet [...]

  2. Quantified Self – die totale Selbstkontrolle | alexanderoswald - 19. März 2013

    [...] Artikel finden Sie hier. Share this:FacebookTwitterDruckenE-MailGefällt mir:Gefällt mir Lade… Veröffentlicht unter: [...]

Stellung nehmen