Gebrüder Stitch: Zwei Marketing-Fuzzis schneidern Jeans

Sie sind hip. Sie sorgen für Schlagzeilen. Sie sind die heimlichen Stars der Vienna Design Week 2012. Und sie sind Pensionisten. Was genau steckt hinter den liebenswerten Hipster-Rentnern? Ein Marketing-Konzept von den Gebrüdern Stitch. Die wiederum sind erfolgreiche Wiener Startupper – aber nicht nur wegen ihres Könnens als Designer und ihrer maßgeschneiderten Öko-Jeans, sondern auch wegen eben dieser Marketing-Strategie. Das Erfolgsrezept: Digitale Touchpoints zwischen Menschen und Unternehmen. Und darüber haben sie am e-Day 2013 der WKO in Wien geplaudert.

Foto: Patrizia Gapp


Friede, Freude, Eierlikör

Die Vollpension begeisterte ihre Besucher. Ein buntes Lokal mit schrulligem Inventar temporär eingerichtet im Hosenlabor, der Jeans-Werkstatt von den Gebrüdern Stitch auf der Mariahilfer Straße in Wien. Die Musik dort war toll. Die Stimmung auch. Und gut gerochen hat es – nach Marillenkuchen, Buchteln und Mohnpotitzen. Ein Kaffeehaus der etwas anderen Art, das erste Pop-up-Kaffeehaus Wiens nämlich – betrieben von Pensionisten. Und da österreichische Großmütter bekanntermaßen die weltbesten Mehlspeisen zubereiten, hat das urbane, Strudl-hungrige und Eierlikör-durstige Wiener Jungvolk den Rentnern regelrecht die Bude eingerannt.

Da saßen sie nun die jungen Wilden Wiens während der Vienna Design Week und haben die duftenden Süßspeisen von Frau Charlotte und Frau Lore gegessen. Jung trifft auf Alt, isst Kuchen und lauscht den Lebensgeschichten. Zum Beispiel Frau Charlottes unvergessener Anekdote über den „nackerten Rolling Stone“ im Hotelbett. An den Adventswochenenden haben sie dann auch andächtig zugehört, wenn der Herr Hannes Weihnachtsgeschichten vorgelesen hat. Danach legten angesagte DJs auf.

100 neue Facebook-Fans in zehn Minuten

Ursprünglich nur als einwöchiges Projekt während der Vienna Design Week im Herbst 2012 geplant ließen Moriz Piffl und Michael „Mike“ Lanner alias Gebrüder Stitch die Vollpension des großen Erfolges wegen im Advent wieder aufleben. „Leidln, es is a Wahnsinn! Die Hittn bricht glei ausanand und in ana Stund wird der Hannes die erste Kerzn vom Adventskranz anzünden!“, hieß es auf Facebook. 100 neue Fans in nur zehn Minuten.

Das Social Web machte die Pense und das Label stadtbekannt, der Ansturm nahm kein Ende. Die Alte Pensions-Kredenz hatte ausgedient, eine neue Kuchl musste her, die Graffitis an der Wand blieben und das Auftragsbuch im Hosenlabor war randvoll.

Zwei Marketing-Fuzzis an der Nähmaschine
Die Vollpension „hod eigschlogn wira (Schwedn)bombn“. Die Jeans von den Gebrüdern Stitch sind angesagter denn je. Wie das Duo mit ihrem Startup so erfolgreich wurde, erzählte Moriz Piffl, einer der beiden Gründer am e-Day 2013.  In der Keynote des Startuppers ging es vor allem um digitale Touchpoints zwischen Menschen und Unternehmen und damit verbundene Werbemöglichkeiten im Social Web.

Angefangen hat nämlich alles mit einer waghalsigen Idee: „Zwei Marketing-Fuzzis schneidern Jeans und verkaufen sie dann“. Und das mit nur 10.000 Euro mühsam zusammengekratzten Startkapital. Die Markenbekanntheit der Gebrüder Stitch lag im April 2011 bei 12,1 Prozent. Im August 2012 waren es beachtliche 28,6 Prozent. Heute dürfte die Markenbekanntheit des Labels Piffls Schätzung zufolge sich auf weit über 30 Prozent belaufen. Tendenz also steigend.

Guter Content und Word-of-Mouth funktionieren

„Was bei uns funktioniert hat: Eine authentische Geschichte, lässige Events und dass wir das Projekt von Anfang an mit einem Blog und Facebook begleitet haben. Guter Content funktioniert und kann durch Word-of-Mouth auch für Medien interessant werden“, so Piffl. Anfangs hat das Projekt aber auf Facebook kaum jemanden interessiert. „Anfangs hat sich ja auch jeder gefragt: Wieso soll jemand von zwei Pappnasen, die keine Ahnung von Mode und Design haben, Jeans für 400-500 Euro kaufen?“, erklärt Piffl.

 „Wenn heute das Thema ‚narrische Startup-Leute‘ aufkommt, werden unsere Namen eigentlich immer genannt“, Moriz Piffl und Michael “Mike” Lanner, die Gebrüder Stitch.

Komplett anders und zielgruppengerecht

Ausschlaggebend sei Piffl zufolge gewesen, dass das Startup seine Marke von Anfang an komplett anders als die Mitbewerber positionierten und eine spezielle Zielgruppe herausgriffen. Im Fall von den Gebrüdern Stitch sind das Fixie-Biker und sonstige Stylo-Radler. Für die haben sie Velostitch kreiert, eine spezielle Fahrrad-Jean.

 

„Unseren Kunden taugt, dass wir etwas Klassisches neu interpretiert haben“, erklärt Piffl.

Bilder und Interaktion im Social Web – das zieht

Ebenso wichtig ist die Arbeit im Social Web mit der Community. „Dank vieler Bilder und Interaktion hatten wir nach unserer Eröffnungsparty auf Facebook circa 20 mal mehr Fans“, erklärt Piffl. Als Konsequenz auf das Opening folgten einige Blog-Beiträge und schließlich die Printmedien. Nach einiger Zeit berichtete auch das Fernsehen.

„Im Grunde funktioniert das so: Falter und Rondo schreiben von den Bloggern ab. Österreich und Heute schreiben dann wieder von Falter und Rondo ab“, schmunzelt Piffl.

Besonders wichtig sei, dass alles im Social Web multipliziert und mit der Community gearbeitet wird. Man könne über Facebook aber nicht nur eine Community aufbauen, sondern auch gut verkaufen. Das Label Gebrüder Stitch unterstützt seine Posts inzwischen mit bezahlter Werbung und „vertickt so zum Beispiel Einkaufsgutscheine“, wie Piffl es nennt. Auf diese Weise und auch durch Online-Terminvereinbarung sowie Web-Shop werden digitale Berührungspunkte mit dem Kunden geschaffen. Piffl erklärt: „Den persönlichen Kontakt, der so entsteht, finden Kunden sehr charmant.“ Darauf heben wir die Sammeltassen und stoßen an.

Stream und Slides zur Keynote von Moriz Piffl am e-Day 2013 gibt es auf eday.at.

Keine Kommentare.

Stellung nehmen