Wirtschaftskammer plant Startup-Bezirk für Wien: Die Szene ist skeptisch

In Wien-Aspern soll nach dem Vorbild Barcelonas ein eigener Bezirk für Startups, Forschung und Kreative entstehen. Brancheninsider sehen das Vorhaben der Wirtschaftskammer Wien kritisch.

Innovations-Grätzel à la Barcelona

Die Wirtschaftskammer Wien (WKW) möchte eine Art „Wissensbezirk“ in Wien etablieren. Ein eigener Bezirk, in dem sich „Unternehmer der Zukunft“ ansiedeln, sei geplant. Vorbild dafür ist 22@Barcelona, das „Knowledge District“ der katalanischen Metropole. Vor Jahren hat Barcelona beschlossen, aus dem heruntergekommenen Industrieviertel einen kreativen Innovationsbezirk zu machen. Der Plan ist aufgegangen: Bis dato haben sich rund 4.500 Unternehmen dort angesiedelt – nicht nur spanische, auch internationale. Ein Konzept,  das sich Wien deshalb abschauen will. Mit dem Innovationsbezirk und der lebendigen Szene hat sich Barcelona ein junges, innovatives Image geschaffen. Ein Image, das man auch für Wien als Wirtschaftsstandort anstrebt. Die WKW möchte deshalb ein solches Innovations-Grätzel  à la Barcelona in Aspern, dem auf dem Reißbrett entworfenen Stadtteil im Osten Wiens, umsetzen.

 

Startups sind ein besonders wichtiger Wirtschaftsfaktor. Das hat Wien erkannt und versucht sich nun  als Startup-Zentrum Europas zu etablieren. City Branding lautet dabei das Stichwort.

„Wien punktet damit, dass die hiesige IKT-Szene schon stark ausgeprägt ist. Das wollen wir stärker sichtbar machen. Die Standort-Konkurrenz ist zwar groß, aber ein eigener Startup-Bezirk hätte einen enormen Branding-Effekt für Wien“, erklärt WKW-Sprecher Martin Sattler im Gespräch mit internetszene.at.

Der Plan der WKW ist allerdings noch sehr vage und Brancheninsider haben Bedenken.

Aspern braucht es nicht

Räumlichkeiten für Startups soll künftig ein Cluster in Wien-Aspern bieten: Offene Arbeitsräume und Coworking Spaces. „Davon gibt es in Wien derzeit aber schon genug“, gibt Oliver Holle, CEO von SpeedInvest, internetszene.at gegenüber zu bedenken.  Markus Wagner, Gründer und CEO von i5invest, bestätigt: „Co-Working Spaces sind nicht unbedingt das, was es braucht.“Andreas Tschas, Co-Founder und CEO von STARTeurope, könnte sich allerdings einen neuartigen Coworking Space über mehrere Stockwerke ähnlich wie das betahaus in Berlin vorstellen: „Da sollte man in jedem Fall die bestehenden Coworking Spaces (HUB Vienna, sektor5 etc.) miteinbeziehen. Dort sollte es dann auch eine Werkstatt geben, in der man Prototypen bauen kann.“ Ob es dafür allerdings Aspern braucht, sei fraglich. Ein solches Haus sehe Tschas eher im 5. oder 7. Bezirk.

Oliver Holle: „Förderungen und Finanzierungsmodelle machen mehr Sinn.“

Dass ein geografisches Cluster grundsätzlich nicht ausschlaggebend ist, darin sind sich die Brancheninsider einig. Viel wichtiger seien mehr finanzielle Anreize. Die Initiative der WKO könnte eingebettet in ein Gesamtkonzept Sinn machen. Dabei müssten signifikante Anreize wie Förderungen und Finanzierungsmodelle gesetzt werden, um einen Zufluss an jungen Ideen nach Wien zu bekommen, erklärt Holle.

Oliver Holle erklärt im Gespräch mit internetszene.at:

„Ein Immobilienprojekt braucht die Wiener Szene nicht. Nur wenn es darüber hinausgeht, macht die Initiative Sinn. Ein Zusammenspiel vieler Maßnahmen ist wichtig. Alles muss dabei gut durchdacht sein. Die Startup-Szene sollte mit ins Boot geholt und signifikante, finanzielle Anreize sollten geschaffen werden.“

Wien als Hub Europas

Wien, so sieht man es in der WKW, sei schon längst als Trendstadt in der jungen Szene Europas angekommen und der optimale Standort für die Startup-Drehscheibe Europas. Der Beweis sei das erfolgreiche Pioneers Festival im vorigen Herbst. Dass Wien das Potential hat, zum Hub Europas zu werden, zweifelt die Internetszene nicht an. Holle bestätigt: „Die Vision, Wien zu einem europäischen Startup-Zentrum zu machen, ist da. Und das ist auch glaubwürdig.“ Auch Tschas ist sich sicher: „Unser großes Ziel muss es sein, dass wir gemeinsam Österreich beziehungsweise Wien zu einem international angesehenen Startup-Hub entwickeln.“Ein geografisches Cluster könne allerdings nur ein kleiner Teil davon sein. Das sei längst nicht alles, erklärt Holle weiter.

Markus Wagner: „Was bringt ein Startup-Cluster und keiner geht hin?“

Im Prinzip gäbe es also nichts einzuwenden, einen Startup-Bezirk in Wien zu entwickeln. „Ich bin allerdings gespannt, mit welchen Zuckerln die Startups angezogen werden sollen – ohne die aktuell dominanten Player einzubeziehen, wird das Projekt nicht erfolgreich sein. Das ist kein Immobilienprojekt, sondern eine Frage des Business Networks“, wendet Wagner ein. Grundsätzlich sei es zwar zu begrüßen, dass sich Politiker und Vertreter wichtiger öffentlicher Institutionen Gedanken über die Startup-Szene machen und wie man diese verbessern und weiterentwickeln kann, so die Brancheninsider. Maßgeblich sei jedoch, dass alle Interessensgruppen daran beteiligt sind. „Ich habe nach wie vor oft das Gefühl, dass Initiativen gestartet und Gesetze erlassen werden ohne sich mit denen abzustimmen, die es dann wirklich betrifft“, räumt Tschas ein.

Gegenüber internetszene.at erklären die Experten der Startup-Szene:

 

„Wenn das ein reines Immobilienprojekt wird, dann wird das auch keinen Erfolg haben.“, Oliver Holle, SpeedInvest.

 

„Ohne dass die Firmen, die aktuell die Szene treiben, an Bord sind, wird nichts funktionieren. Mit diesen Unternehmen sollte sich die WKO zusammensprechen – das reicht vom Coworking Space bis zum Investment Fund. Was die Wiener Startup-Szene derzeit am dringendsten braucht, ist gemeinsames am gleichen Strang ziehen von allen beteiligten Interessensgruppen“, Markus Wagner, i5invest.

 

„Wir sind ein Grassroot Movement. Deshalb ist es so wichtig, dass Politiker verstehen, wie die Szene tickt, erst dann werden sie verstehen, was wir wirklich brauchen. Es ist wichtig, dass die Entscheidungsträger mit uns an den Wurzeln arbeiten. Gemeinsam müssen wir daran arbeiten, internationale Top-Startups nach Österreich zu bringen. Ein langer Weg, aber definitiv ein machbarer“, Andreas Tschas, STARTeurope.

Gemeinsam an einem Strang ziehen

Während die treibenden Kräfte der Wiener Startup-Szene also scheinbar klare Vorstellungen davon haben, wie ein solches Projekt gestaltet werden müsste, um erfolgreich zu sein und Wien weiterzubringen, hat die Wirtschaftskammer noch keine allzu konkreten Vorstellungen von ihrem Plan. „Derzeit ist es einfach noch zu früh, um konkrete Anreize zu präsentieren“, so WKW-Sprecher Sattler gegenüber internetszene.at. Für die Realisierung werde sich die Wirtschaftskammer aber auch die Meinung von führenden Kräften der Wiener Startup-Szene einholen, versichert Sattler. Die Frage, wann, bleibt allerdings offen. Die Möglichkeit, das Thema auf die Agenda zu setzen, gäbe es jedenfalls. Vertreter der Startup-Szene, Wirtschaftskammer und Stadt Wien tauschen sich nämlich regelmäßig aus.

 Eure Meinung: Braucht Wien einen eigenen Startup-Bezirk?

2 Antworten an “Wirtschaftskammer plant Startup-Bezirk für Wien: Die Szene ist skeptisch”

  1. Elisabeth

    Mrz 26. 2013

    Sehe auch mehr Sinn in finanziellen Anreizen anstatt Immobilien. Das es Förderungen braucht sieht man auch daran, dass der Kreativwirtschaftsscheck des aws bereits aufgebraucht ist.

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  2. Kamala

    Mrz 26. 2013

    … leider versteht die österreichische Politik (noch) wenig davon Bedarf (rechtzeitig) zu erkennen & entsprechend darauf zu reagieren.

    Wäre schön, wenn man sich im Zuge so einer Idee ganzheitliche & langfristige Gedanken zur Umsetzung macht. Innovation nicht nur auch entsprechend fördert, sondern auch selbst in der Politik lebt.

    Das Potential ist ja da z.B. vor allem im Bereich der urbanen erneuerbaren Energien. Hier gibt es bereits besonders viel Vorreiter Potential.

    Ich fände es großartig, wenn Wien zu einem Vorbild einer Smart City Stadt wird, die sich durch Innovation in jedem erdenklichen Bereich auszeichnet, wo Innovation nicht nur gefördert wird, sondern Strukturen geschaffen werden, die eine intelligente & rasche Umsetzung ermöglicht.

    Die Medien spielen hier nat. eine gewisse Rolle..
    Das Pioneersfestival war absolut genial & ein echtes Highlight .. und wieviel wurde darüber berichtet?!

    Ich wäre sehr erfreut, wenn ein sinnvolles Zukunftskonzept in Zusammenarbeit & Abstimmung mit der Bevölkerung ausgearbeitet werden würde. Denn es ist wirklich unbefriedigend, wenn die Betroffenen in solche Prozesse nicht mit einbezogen werden.

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