Der Bauer als Aufdecker: Interview mit Markus Wilhelm von dietiwag.org

David hatte im Kampf gegen Goliath eine simple Steinschleuder. Ein Tiroler Bergbauer kämpft im Ötztal gegen Konzerne und Politiker mit einem Blog. Und das journalistisch professionell und erfolgreich. Als Aufdecker zeigt dietiwag-Blogger Markus Wilhelm im konservativen Tirol Missstände auf.

Im Interview mit internetszene.at spricht er über die Sinnlosigkeit des neuen Antikorruptionsgesetzes, „die Dummheit des Landeshauptmanns“ und den „vorvorgestrigen“ Online-Journalismus der Tiroler Tageszeitung. Der Ötztaler Rebell erklärt, wovon die „lahme Landespolitik noch immer keinen blassen Schimmer hat“ und warum es seiner Meinung nach eine Steigerung von „einfach scheiße“ geben müsste, um die Tiroler Medienlandschaft beschreiben zu können. internetszene.at erzählte er, wer den Informationsfluss in Tirol wie steuert.

Credit: Datum.at, Steffen Arora

Hallo Markus, als Bergbauer und Polit-Blogger bist du österreichweit bekannt. Verstehst du dich dabei als investigativer Journalist, Hobby-Blogger oder als politischer Aktivist?

Als politischen Aktivisten mit den Mitteln des Publizisten.

David hatte im Kampf gegen Goliath eine simple Steinschleuder. Du kämpfst gegen Konzerne und Politiker mit einem Blog. Bist du ein Held? 

Ach, was. Helden sind dünn gesät. Ich tu, was ich kann – nach dem Vers Bert Brechts: „Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden / Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.“

Du warst schon früh mit der kulturpolitischen Zeitschrift Föhn journalistisch tätig. Was hat dich am Print-Journalismus Anfang der 1980er Jahre so fasziniert?

Das ist eine Unterstellung. Journalismus hat mich nie fasziniert. Ich glaube auch nicht, dass ich Journalismus gemacht habe oder mache. Damals war halt Holz mein Medium, heute ist es das Internet.

2004 hast du unter dietiwag.at begonnen zu bloggen. Mit welchem Ziel wurde dietiwag.at im “heil’gen Land Tirol” gestartet?

Ausgangspunkt für die Seite war 2004 ein geplanter Generalangriff der Tiroler Wasserkraft AG (TIWAG) auf praktisch alle noch frei fließenden Bäche des Landes. Nach einem Prozess noch zu FÖHN-Zeiten (1989), den die TIWAG gegen mich angestrengt (und in allen Instanzen verloren) hatte, war es relativ leicht, mich rasch wieder auf diesen Gegner einzustellen. Deshalb der Name der Webseite. Aber das Themenspektrum hat schon von Anfang an das gesamte Geschehen im Lande umfasst.

Hast du Vorbilder?

Publizistische oder politische nicht. Menschliche ja.

Wenn du dein publizistisches Schaffen von damals mit dem Bloggen vergleichst: Was hat sich verändert? Welche Chancen bietet dir das Internet, die du früher nicht nutzen konntest?

Seinerzeit habe ich oft fast ein Jahr lang an einer FÖHN-Nummer gearbeitet. Viel Zeit ging allein mit Setzen, Layouten, Drucken und dem Verbreiten der Hefte auf. Das fällt jetzt alles weg. Ich kann zehn Minuten nach Erhalt einer Info damit online sein.

Meinst du, dass ein viel gelesener Blog vielleicht auch ein noch größeres „Druckmittel“ gegenüber Politik und Wirtschaft ist als ein Printmedium, zum Beispiel weil du als Aktivist online viel schneller reagieren und alles auf sämtlichen Kanälen multiplizieren kannst?

Ein Artikel im Internet kann ganz schnell zur Lawine werden. Jeder User ist ein potenzieller Multiplikator. Da hat die lahme Landespolitik immer noch keinen blassen Schimmer davon, was da abgeht.

Hast du eigentlich mehr Anhänger oder mehr Feinde?

Sicher weit mehr „Anhänger“, wobei ich nicht nur das Wort, sondern auch das damit verbundene Verhalten gar nicht mag. Ich möchte, dass die Nutzer der Seite sich darin üben, die Zustände selber kritisch zu hinterfragen und sich nicht an mich „anhängen“.

Warst du eines dieser Kinder, die sich schon in der Schule von keinem Lehrer etwas haben sagen lassen?

Teils teils. Teilweise habe ich mich auch ausgeklinkt. Klassensprecher oder Funktionär war ich nie.

In einem ORF Interview hast du 2011 die Mediensituation in Tirol als “einfach scheiße” bezeichnet. 2 Jahre später: Wie steht es deiner Meinung nach um die Tiroler Medienlandschaft?

Ich würde dieses „einfach scheiße“ von damals ja gerne steigern, wenn es sprachlich möglich wäre. Mit der Übernahme der Innsbrucker ORF-Intendanz durch den ehemaligen ÖVP-Landesgeschäftsführer Helmut Krieghofer ist es tatsächlich noch schlimmer geworden.

Was müsste sich dringend ändern?

Alles.

dietiwag.org gehört zu einer der größten Websites in Tirol (laut alexa.com). Wie viele Besucher hat die Website am Tag? Müssen sich andere Bundesländer “fürchten”, dass du mit dietiwag.org expandierst?

Die Seite hat sehr, sehr viele Besucher, wobei ja, wenn vielleicht 500 Beamte aus dem Landhaus zugreifen, nur ein Rechner gezählt wird. Sie wird österreichweit besucht, wobei schon oft der Wunsch geäußert worden ist, so etwas auch in anderen Bundesländern zu machen. Was ich aber sicher nicht tun werde.

Was unterscheidet dietiwag.org von TT.com?

Alles bis auf das, dass beide Seiten am Computer oder am Handy abrufbar sind.

Wer steuert in Tirol den Fluss der Informationen?

Firmen und Parteien werden mit ihren Botschaften in den drei großen Medien (TT, ORF, Krone) 1:1 durchgeschaltet. Aber sind das „Informationen“? Informationen sind für mich, wenn mir jemand erzählt, dass der Landeshauptmann im Lechtal auf Einladung einer Agrargemeinschaft einen Hirsch geschossen hat – zum Beispiel.

Wie kommst du zu deinen Informationen? Wie wichtig ist es, Kontakte zu pflegen?

Die Leute haben großes Vertrauen zu mir. Deshalb landen die heißen Informationen in meinem Briefkasten oder in meiner Nachrichtenbox auf der Webseite. Über die Jahre hat sich ein sehr dichtes Netz über das ganze Land entwickelt, sodass ich bei Bedarf fast in jeder Gemeinde jemanden habe, den ich beiziehen kann.

„Wozu brauchen wir noch Journalisten?” – so heißt das neue Buch von Armin Wolf. Wie beantwortest du diese Frage?

Wer ist „wir“? Den allergrößten Teil der heutigen Journalisten in Tirol brauchen „wir“ nicht. Das sind Erfüllungsgehilfen der Wirtschaft und der Politik: Rapportierer oder Apportierer statt Reporter. Wenn es eine Hand voll ernsthafter Journalisten im Land gäbe, hätten der Filz und die Korruption keine Chance mehr.

Liegt deiner Meinung nach die Zukunft des Journalismus im Internet?

Wieder auf Tirol bezogen, weil’s dann einfach konkreter ist, glaube ich nicht, dass es künftig eine größere Rolle spielen wird. Es ist ja auch in den vergangenen vier, fünf Jahren nichts nachgekommen. An sich müsste das Beispiel dietiwag.org doch Schule machen, in Wahrheit bin ich mit dieser Art eines politischen Mediums aber weit und breit allein. Was die Tiroler Tageszeitung da unter tt.com macht, das ist ja vorvorgestrig, ein Abklatsch der Papierausgabe.

Freie, unabhängige Medien sind die Wachhunde der Demokratie. Braucht es deiner Meinung nach eine Erhöhung der direkten Presseförderung in Tirol?

Es braucht Leute, die was wollen – und ich meine: mehr als den Journalistenausweis. Daran mangelts. Für eine Seite wie dietiwag.org braucht es keine Förderung, nur einen Zweitberuf, von dem man leben kann. Es fallen ja keine Kosten an mit der Homepage.

Erschwert das neue Antikorruptionsgesetz in Österreich die viel zitierten „Jagdgesellschaften“?

Ich glaube, dass sich die Korruption nur anders organisieren, anders tarnen wird. Solange die Staatsanwaltschaft in Tirol nicht funktioniert, wird sich wenig ändern.

Penibel recherchierte Fakten oder Polemik – wie erreichst du mehr Aufmerksamkeit? Wo verlaufen die Grenzen zwischen Aufdecker- und Sensationsjournalismus?

Wenn die Fakten stimmen und mit Dokumenten belegt werden, dann ist die Polemik abgesichert. Und die Zuspitzung braucht es absolut. Für was anderes wär mir die Zeit zu schade.

Was ist deine Motivation beim Aufdecken? Woher nimmst du deine Kraft und Durchhaltevermögen? Viele Freunde machst du dir damit ja nicht und Geldgier kann es bei einem werbefreien Portal auch nicht sein.

Nur weil die anderen die Zudecker sind, seh mich noch nicht als Aufdecker, sondern eher als Beschreiber und Dokumentaristen der realen Zustände. Woher ich die Motivation nehme? Vom Spaß an der Freude.

Verhältst du dich immer richtig? Oder musstest du auch schon Fehler eingestehen?

Richtig für wen? Gravierende Schnitzer sind mir bisher nicht passiert. Ich wurde auch noch nie mit einem Fake hereingelegt.

Hast du dich jemals gefürchtet? Wenn ja wovor?

Was meine politische / publizistische Arbeit angeht, habe ich keine Angst, höchstens vor blöden Rechtschreibfehlern, aber die kann man im Internet ja schnell ausbessern.

Du triffst dich mit deinen Gegnern öfters vor Gericht. Bestärken dich diese Verhandlungen oder stehlen dir diese Auseinandersetzungen deine letzte Energie? Wer bezahlt deine Anwaltskosten?

Öffentliche Prozesse unterstützen meine Arbeit. Wenn jemand durch eine Klage Wind für meine Sache erzeugt, so bin ich ihm dankbar. Das Thema muss halt den ganzen Aufwand wert sein. Natürlich kosten solche Verfahren auch Energie und Geld. Letzteres bisher gottseidank nur meinen Gegnern.

Etwas verwirrend ist deine Aussage im DATUM: “Am liebsten wäre mir ein Wahlergebnis, bei dem alle Parteien kräftig verlieren.“ Wem ist damit geholfen? Was möchtest du mit dieser These ausdrücken?

Diese Antwort gab es, weil ich mich halt mit der Arbeit von keiner Partei im Landtag anfreunden kann. So gesehen hätten alle einen Verlust an Stimmen verdient, die einen freilich mehr als die anderen.

Hast du dir einen Frontwechsel – hinein in die wirkliche Politik – schon überlegt?

Niemals.

Stichwort Politik-Verdrossenheit: Meinst du, dass besonders junge Leute online mit politischen Themen eher erreicht werden können? Können deiner Meinung nach Polit-Blogs die Jugend leichter dazu bewegen, sich mit Politik auseinanderzusetzen? Und wie sieht´s mit Facebook aus?

Nein. Da sind junge Leute nicht viel anders als ältere. Die eine interessiert’s, den anderen nicht. Mit Facebook hab ich kaum zu tun. Ist mir ein zu flüchtiges Medium.

Angenommen, es gäbe keine Missstände in Tirol mehr. Was machst du den ganzen Tag?

Jetzt geh’n euch die Fragen aus. Sorry, soviel Phantasie, mir vorzustellen, dass es in diesem tief versumpften Land einmal keine Missstände mehr geben könnte, habe ich leider nicht. Aber nur Bauer sein wär schon schön. Nein, am schönsten ist: Bauer sein und schreiben.

Was sind deine 3 Lieblingswebsites?

Was regt dich am allermeisten auf?

Die Kälte im Winter. Das Hetzblatt Kronenzeitung. Die Dummheit des Landeshauptmannes.

 

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