Europäisch-ägyptischer Startup-Dialog: Romy Sigl im Interview

In Ägypten kracht es gerade. Und zwar gewaltig. Das neue Ägypten schwingt sich auf. Auch in der ägyptischen Startup-Szene tut sich einiges. Das Internet und Social Media spielen nämlich eine Schlüsselrolle in der ägyptischen Revolution. Ihr Verlauf bedeutet nicht nur einen politischen Umbruch, sondern auch das Aufkeimen einer ägyptischen Startup-Landschaft. Mittendrin Romy Sigl.

Die Coworking Salzburg-Gründerin ist gerade durch das Revolutionsland gereist, um  ihr neues Projekt Coworking Camp voranzutreiben. Gemeinsam mit Matthias Zeitler plant sie nämlich die internationale Startup-Community vom 04. November bis 15. Dezember 2013 am Roten Meer zu versammeln. Mit internetszene.at hat Romy Sigl über ihre Idee und das große Potential der ägyptischen Startup-Szene gesprochen.

Welche Idee steckt hinter eurem Projekt Coworking Camp? Wieso ausgerechnet in Ägypten?

Die Idee ist 50 Startups aus der ganzen Welt für ein paar Wochen ans Rote Meer zu bringen, um von dort aus an ihren Unternehmungen  zu arbeiten. Wir haben via coworking-camp.com gefragt, wo die Leute hin wollen und Malta, Tunesien und Ägypten zur Auswahl gegeben. Von 120 Leuten, die innerhalb von zwei Wochen das Voranmeldungsformular ausgefüllt haben, war die Mehrheit für Ägypten. Ich bin sehr froh, dass wir uns für Ägypten entschieden haben, die Leute dort haben mich überzeugt. So viel positiven Spirit habe ich selten erlebt.

Mir ist es wichtig, dass wir das gut machen, und das Ganze dann ganz oft an unterschiedlichen Orten wiederholen. Wir wollen damit einen Trend setzen. Die große Idee hinter dem Projekt: Coworking Camps around the world – mal in einem Skiressort, mal am Strand, mal an einem See. An Orten eben, die gut für Menschen sind zum Sport machen und sich Erholen und gleichzeitig zum Arbeiten. Man könnte das auch PopUp-Coworking nennen. Langfristig wir das den Tourismus beeinflussen und es wird Coworking-Hotels geben. Viele Leute wollen nicht mehr nur Urlaub machen und nach drei Tagen Lagerkoller am Pool bekommen. Das klingt jetzt krass. Aber ich kenne ganz viele solche, weil denen ihre Arbeit wirklich Spaß macht.

Gerade bist du durch Ägypten gereist. Mit welcher Mission warst du dort unterwegs?

 Die Mission ist, das Coworking Camp in die Tat umzusetzen. Das heißt, die Lage checken: Ob es wirklich so gefährlich ist wie in den Medien kommuniziert wird, ob es dort eine Startup-Szene gibt, welche Hotels für uns in Frage kommen. Und Sponsoren und Kooperationspartner vor Ort zu finden. Unser Camp wird bis zu  sechs Wochen dauern, d.h. es ist wichtig, dass sich die Leute wohl fühlen. Darum bin ich runter und habe neun Hotels besichtigt. Zwei davon kommen in Frage.

Wie hast du auf deiner Ägypten-Reise die aktuellen Unruhen wahrgenommen? Wart ihr im Arbeiten eingeschränkt?

Ich war dort, um zu schauen, wie die politische Situation ist. Am Roten Meer: überhaupt kein Problem. In Kairo war ich einmal kurz besorgt. Das  hat sich aber schnell wieder gelegt. Ich habe dadurch zwei wichtige Meetings verpasst. Aber so ist das eben in Kairo. Solange man nicht in der Nähe des Tahrir-Platzes unterwegs ist, sind die Proteste für das Arbeiten kein allzu großes Problem.Die große Mehrheit der Bevölkerung ist sehr glücklich, dass Mursi weg ist und ein neuer Weg für Ägypten eingeschlagen wird. Die Proteste sind das letzte Aufbäumen der Moslembrüder und sollten bald der Vergangenheit angehören.

Wie schätzt du die ägyptische Startup-Szene ein? Was geht da?

Ich muss sagen: Ich bin überrascht, wie viel hier los ist. Es gibt eine überschaubare, aber sehr motivierte Startup-Szene. Gefunden habe ich diese natürlich in Coworkingspaces und bei Veranstaltungen wie Startup Cup, Inkubatoren und Netzwerkleuten. Es herrscht Aufbruchsstimmung in Ägypten. Es gibt hier großes Potenzial für die nächsten Jahre, weil die Leute hungrig sind.

Eine ganz andere Dynamik als in Österreich?

Die Dynamik ist bei Startups immer hoch, aber bei uns ist oft etwas Arroganz dabei. Das merkt man hier gar nicht. Auch bei Ausländern, die in Kairo leben, nicht.

Wie wirkt sich die Revolution auf die ägyptischen Startups aus? Wie schätzt du das ein?

Vor einem Monat waren alle am Boden und sie wussten nicht, wie es weiter geht. Seit 2. Juli, als das Volk und Militär Mursi zum  Rücktritt gezwungen haben, freuen sich die Leute auf die Zukunft, auf Arbeit und wollen richtig Gas geben. Und Mitteleuropa darf die Ägypter nicht unterschätzen. Da wird nicht lange beraten. Als ich auf einer Uni bei einem Startup-Event war, wurde sofort eine TV-Station über die Idee informiert und einen Tag später haben zwei Damen darüber in den News berichtet. Ägypten und speziell Kairo braucht gute News.

Mit wem arbeitet ihr in Ägypten zusammen?

Im November/Dezember werden auch ägyptische Startups am Coworking Camp teilnehmen. Genau dafür suchen wir Sponsoren vor Ort. Da das Preisniveau in Ägypten ganz anders ist als in Mitteleuropa, können sich Startups die normalen Camp-Tarife überhaupt nicht leisten. Das heißt, wir suchen Firmen oder Investoren, die Startups aufs Camp schicken. Mercy Corps könnte so eine Firma sein. Ich habe mich öfters mit dieser US-Firma, die sich viel mit Social Entrepreneurship befasst, getroffen. Wir hatten auch ein Meeting mit Orascom, ein Großkonzern in Ägypten, vergleichbar mit Telekom. Der Eigentümer ist der reichste Mann Ägyptens und besitzt ElGouna, das schönste und sicherste Areal am roten Meer. Die finden die Idee vom Coworking Camp auch gut, weil es gut für ihr Land ist. Reiche Ägypter wollen wieder in ihr Land investieren, weil sie es lieben. Das wurde mir auch vielfach gesagt. Die Gespräche laufen, die Meetings waren sehr wichtig für die persönliche Ebene. Damit die Partner verstehen, dass wir es ernst meinen und dass wir seriös sind.

Wie war der Austausch mit ägyptischen Startuppern?

Ich habe im Vorfeld Kontakt mit Leuten aufgenommen, die Startup-Events organisieren. Eine super vernetzte Italienerin hat die Idee vom Camp sofort ins Herz geschlossen und mich vor Ort mit den wichtigsten Leuten der Szene bekannt gemacht. Es waren alles sehr offen, freundlich und motiviert. Ich denke, das lag daran, dass ich innerhalb weniger Tage vor Ort war, das hat ihnen gefallen – dass wir das erst meinen.

Wo liegt das Potential eines österreichisch-ägyptischen bzw. eines europäisch-ägyptischen Startup-Dialogs?

Ich weiß nicht, ob es für Ägypten entscheidend ist, dass wir Österreicher sind. Aber es ist auf jeden Fall wichtig, dass Europäer kommen und sehen, was hier alles Gutes los ist. Europa denkt manchmal, so kommt es mir vor, dass in diesem Teil der Welt wenig Innovation herrscht. Aber da sollten wir uns nicht täuschen. Es gibt einen neuen Stadtteil in Kairo. Der heißt New Village. Da sind alle großen IT-Firmen angesiedelt. Und die Leute sind wie gesagt hungrig, sprechen super Englisch und sind sehr schlau.

Das ägyptische Silicon Valley also?

Ja, ganz genau. Bei uns würde erst mal drei Jahre über so ein Projekt diskutiert werden und dabei schon viel Geld verbraten werden. Dann würde es zweimal halbiert werden…

Kairos Valley hat dir also gut gefallen?

Ja, extrem. Da merkt man erst mal wieder, wie klein Österreich ist, wenn man in einer 20 Millionen- Stadt steht. Und dass wir uns alle nicht so ernst nehmen sollten, aber trotzdem das Beste aus dem Leben machen.

Wie sieht´s  eigentlich mit Frauen in Ägyptens Startup-Szene aus? Gibt es viele Jungunternehmerinnen?

Mir ist die Startup-Szene viel durchmischter als bei uns vorgekommen. Viel mehr Frauen. Sie waren stark meine Vernetzerinnen vor Ort. Viele von ihnen tragen ein Kopftuch. Teilweise sind sie aus etwas reicheren Familien mit guter Bildung. Sie sind sehr progressiv. Mich hat das etwas überrascht.

Was bewegt diese Frauen?

Vor allem der Fortschritt, der Wille das neue Ägypten, also die Wirtschaft, anzukurbeln und Religion. Der Islam weit nicht so streng wie ich dachte. Frauen wollen genau so gleichberechtigt sein wie bei uns und sie schauen dabei eben auch noch auf ihre Tradition und Religion.

Was war das eindrucksvollste Erlebnis für dich in Ägypten?

 Dass man in einem islamischen Land eine fremde Frau mit einer Idee derart herzlich empfängt und sich kooperativ zeigt – und zwar nicht nur auf einer oberflächlichen Weise kooperativ, sondern wirklich tatkräftig. Eine super Energie ist das. Das ist gut für unsere Welt – dass sie kleiner und kooperativer wird und offener.

Nochmal zum Coworking Camp: Warum muss man da unbedingt mit dabei sein?

Weil man von anderen Leuten, den anderen Kulturen und deren Ideen mehr lernen kann als auf jeder Uni. Weil Kontakte der Erfolgsfaktor unserer Generation sind und ein beschränktes Weltbild einem langfristig nicht alle Möglichkeiten bieten wird, die das Leben zu bieten hat – gerade in unserer Zeit.

Alle Detailinfos zu Ablauf, Programm und Reise-Packages gibt es auf der Website zum Coworking Camp. Anmelden kann man sich noch bis Anfang August.

 

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