Warum Coworking sexy ist: sektor5 Gründer Yves Schulz im Interview

Wer sich in einem Coworking Space einmietet, pachtet die Coolness gleich mit dazu. Und wie das mit dem Coolsein so ist: Da gibt es Regeln, die dir sagen, ob du cool bist oder eben nicht. Regel Nummer eins: Ein Coworking Space ist kein herkömmliches Büro und darf deshalb auch nicht aussehen wie ein herkömmliches Büro. Coworking Spaces sind lässiger und charmanter. Ist doch klar. Regel Nummer zwei: Vernetzen ist für Startups und kreative Ein-Mann-Firmen unerlässlich – vor allem analog, Face to Face, am besten von Schreibtisch zu Schreibtisch, in einem Coworking Space eben.

Dieses Prinzip gilt auch im Wiener Coworking Space sektor5. Ein bisschen versteckt in Wien-Margareten eröffnet sich hinter einer unscheinbaren Tür ein knapp 600 Quadratmeter großes Loft, das weit mehr ist als nur ein Büroplatz für Kreativlinge. Ein Loft gefüllt mir irre coolen Möbeln und Zeugs und mindestens genauso tollen Leuten und Ideen. Die gute Seele im Hause sektor5 ist Yves Schulz. Vor genau drei Jahren hat er das Wiener Coworking Space sektor5 gegründet. Mit internetszene.at hat er nun über sein Loft gesprochen und darüber, welchen Stellenwert Coworking in der heutigen Arbeitswelt hat und was in Österreich noch besser ginge.

Welchen Stellenwert hat Coworking in der heutigen Arbeitswelt?

Coworking ist grundsätzlich eine Ergänzung zu bestehenden Arbeitsumfeld- und Bürokonzepten und spiegelt die Anforderungen flexibler Arbeitsweisen wieder, bei welchen der Ort der Wertschöpfung keine Rolle spielt und kann somit in einem solchen Arbeitsumfeld einen sehr hohen Stellenwert einnehmen.

Warum macht Coworking Sinn? Welche inhaltlichen Gründe für Coworking gibt es neben den Community-Gedanken, den sozialen Gründen?

Die mobilen Arbeiter haben vermeintlich mehr Freiheiten als 9-to-5-Büroarbeiter. Was ihnen allerdings fehlt, sind Kollegen.

sektor5-Gründer Yves Schulz, Photo Credits: Oleksandr Hnatenko – www.pOHtography.com

Klingt banal. Doch wer tagein, tagaus im Arbeitszimmer, der eigenen Küche oder auch im Coffeeshop sitzt, dem fehlt der soziale Austausch. Bei aller virtuellen Vernetzung fehlt häufig Feedback, Input oder das ganz normale Geplauder. Die bloße räumliche Nähe führt zum Austausch, zu Synergien, neuen Ideen und zu Chancen gemeinsam an Projekten zu arbeiten. Das soziale Netzwerk – nicht digital, sondern analog mit „echten“ Menschen. Ein für jedermann nutzbares Netz von virtuellen und realen Orten für kreatives Arbeiten in komfortabler und inspirierender Atmosphäre. Selbstständige ohne eigenes Büro, die sich nicht festlegen, aber vernetzen wollen, sollen selbst entscheiden können, wann interagiert oder konzentriert gearbeitet wird und wann Ablenkung stattfinden darf. Das kollektive und soziale Arbeiten wird ebenso gefördert wie die Entstehung eines dynamischen Arbeitsraumes – angepasst an die aktuellen Anforderungen in einer sich verändernden Arbeitswelt.

Birgt das Konzept Coworking auch so eine Art Suchtpotential?

Aktuell haben wir eigentlich keine Suchttendenzen feststellen können. Aber Coworker kommen wahrscheinlich schon sehr gerne wieder, wenn sie sich einfach nur wohlfühlen.

Wer ist generell die Zielgruppe für Coworking?

Es gibt keine spezifische Zielgruppe im Sinne einer Definition. Jeder, der an wechselnden Orten Wert mit seiner Arbeit kreieren kann, ist Teil “der Zielgruppe”. Wir haben neben den „typischen“ Coworkern – also Designer, Programmierer etc. –  auch Berufe wie zum Beispiel Buchhalter, Projektmanager oder Redakteure unter unserem Dach. Grundsätzlich ist der ausgeübte Beruf egal. Die menschliche Komponente passend zur Community muss stimmen.

sektor5 feiert sein 3-Jähriges. Wie hat eigentlich alles angefangen?

Mit dem lesen eines Artikels im Magazin „Der Spiegel“ über die sich verändernde Arbeitswelt. Da war in einem Nebensatz das betahaus in Berlin erwähnt. Da stand fest: Das will ich machen! Ziemlich genau sechs Monate später hat der sektor5 eröffnet.

Und wo steht ihr heute?

Von den Zahlen her haben wir 55 von 65 verfügbaren Plätzen belegt. Darüber hinaus hosten wir verschiedenste Entwickler-Events, die Startup-Szene tummelt sich bei uns und wir sind auch einer der Anlaufpunkte für verschiedenste Unternehmensgründer, welche bei uns ihre ersten Schritte gehen und dabei auf Gleichgesinnte treffen.

Wiener Coworking Space sektor5, Photo Credits: Oleksandr Hnatenko

Was war der größte Fehler, den ihr bisher mit sektor5 gemacht habt? Und wie habt ihr daraus gelernt?

Eigentlich haben wir nicht allzu viele große Fehler gemacht. Eher viele kleine: Finanzplan zu progressiv, falsche Annahmen bezüglich Umsatz, zu wenig Umsatzströme im Vorfeld überlegt. Ach ja, und bei Förderungen immer die schriftliche Förderzusage abwarten. (lacht)

Wie sieht es deiner Meinung nach in den österreichischen Bundesländern in Sachen Coworking aus?

Grundsätzlich gibt es aktuell einige Projekte und auf Anfrage helfen wir auch immer mit Wissen aus so gut wir können. Man wird sehen, wie sich diese Projekte weiterentwickeln. Ich glaube, man kann sich noch Konzepte überlegen, um in dünner besiedelten Gebieten Coworking anzubieten an neuralgischen Punkten. Diese werden aber vermutlich sehr auf staatliche Unterstützung angewiesen sein in der Anlauf- und Testphase. Eine solche Konzipierung würde ich unterstützenswert finden.

Und wie wird es mit sektor5 weitergehen? Was ist der nächste große Schritt? 

Aktuell konsolidieren wir unser Geschäft und versuchen Formate mit einem Zusatznutzen für die Community zu entwickeln.

Bald sind Wahlen. Du kannst einen Wunsch an die Politik loswerden. Was brauchen Coworking Spaces in Österreich ganz dringend? Was soll besser werden? Was brauchen wir? Mehr allgemeine Anerkennung der Arbeit, die wir im Sinne eines grassroots movements informell und unentgeltlich tagtäglich ausüben. Wie auch immer diese Anerkennung ausschaut – mehr öffentliche Wahrnehmung wahrscheinlich und die Unterstützung von Coworking-Konzepten in dünn besiedelten Gebieten.

 

 

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