NEOS-Chef Matthias Strolz im Interview: “Pinker Startup-Boom statt Stillstand”

Der Countdown läuft. Nur noch wenige Tage bis zur Nationalratswahl. Eine Partei, die sich selbst lieber Bürgerbewegung nennt, hat sich groß „Startups“ auf die Wahlkampf-Fahnen geschrieben: NEOS. Ihr Wahlziel: Der Einzug ins Parlament. Schaffen sie das, könnten sie sogar das Zünglein an der Waage bei der Regierungsbildung sein. Die NEOS sehen einen Stillstand in der österreichischen Innenpolitik. Den wollen sie brechen, Jungunternehmer beflügeln und das Land NEOS-pink einfärben. Im Interview mit internetszene.at sprach der Spitzenkandidat der NEOS Matthias Strolz über seine Vision vom Startup-Land Österreich, Reformvorschläge für ein neues Österreich und die Farbe pink.

NEOS will mehr Startups. Warum?

Industriekonzerne waren in den vergangenen Jahrzehnten das Rückgrat unserer Wirtschaft. Wir müssen jedoch damit rechnen, dass in diesem Sektor in den nächsten Jahren mehr Jobs wegfallen, als neue entstehen. In einem Hochlohnland liegt die Zukunft also in der Innovationkraft junger dynamischer Unternehmen.

Wie sehen Sie die österreichische Startupszene?

In Österreich gibt es viele engagierte junge Unternehmer. Was uns fehlt, um zu Berlin, Stockholm oder mittlerweile auch Tel Aviv aufzuschließen, sind nicht die guten Ideen. In Wien höre ich beispielsweise immer öfter von jungen IT-Startups, dass es immer schwerer wird, gute Programmierer oder Grafiker zu finden, weil viele mittlerweile in München oder Hamburg ein besseres Umfeld finden. Wir müssen unsere Standorte attraktiver machen, indem wir bürokratische Hürden abschaffen und mit leichterem Kapitalzugang Anreize schaffen.

In den letzten Jahren hat sich einiges getan, die Szene ist gewachsen. Ist das nicht ein Indiz, dass es eh ganz gut ist so wie es ist?

Wir freuen uns natürlich über jedes Wachstum. Aber nochmal: Startups sind mittlerweile mehr als nur spannende Experimentierfelder für junge Unternehmer. An ihnen hängt unsere Zukunft. Wir werden mehr Innovationen und Ideen benötigten, um unseren Wohlstand im globalen Wettbewerb zu halten. Mit Unternehmensformen aus dem vergangenen Jahrhundert und einer Gewerbeordnung, die zum Großteil noch auf die k.u.k Monarchie zurückgeht, werden wir das nicht erreichen.

Stichwort Risikokapital. Wie wollen Sie den Zugang zu Kapital für risikoreiche Investitionen erleichtern?

In Österreich wäre genug Kapital vorhanden. Leider ist es für viele derzeit nicht besonders attraktiv, es in Startups zu investieren. Das Geld fließt daher zu oft in die Finanzmärkte oder ausländische Fonds. Wir wollen Anreize schaffen, indem wir Verluste aus Startup-Beteiligungen in größerem Maße steuerlich abschreibbar machen. Zusätzlich wollen wir Investitionen in Startups steuerbegünstigen. Es soll die Möglichkeit eines Steuernachlasses von 50% des Investments bis zu einer Höhe von 100.000 Euro geben. Die Fördermodelle des AWS wollen wir ausbauen und vereinfachen. Das Privatisierungspotential in Österreich liegt bei circa 24 Milliarden Euro, selbst wenn die öffentliche Hand an ihren Unternehmen einen starken Anteil von 25% + einer Aktie behalten möchte. Dieses Geld könnte in Innovations-Fonds viel sinnvoller arbeiten.

Wollen Sie Österreich auch für ausländische Firmen und Investoren irgendwie attraktiver machen?

Wir können die effektivsten steuerlichen Anreize natürlich nur für Kapital schaffen, das auch bei uns versteuert wird. Mit der Klein AG denken wir aber auch über neue Unternehmensformen nach, deren internationale Anerkennung höher wäre und bei denen Unternehmensbeteiligungen dynamischer wechseln könnten als bei der GmbH. Darüber hinaus, ist ein starker Innovationssektor immer attraktiv für ausländische Investoren. Wenn man einen Standort erstmal ins Rollen gebracht hat, sind Investitionen oft eine self-fulfilling prophecy. Dafür muss man aber erstmal anpacken. Das Kapital drängt dich derzeit schließlich nicht auf.

Was sollte sich in Sachen Crowdfunding tun?

Beim Crowdfunding braucht es endlich überhaupt mal rechtliche Grundlagen. Eine Lockerung der Bestimmungen der Finanzmarktaufsicht und höhere Schwellen zu Prospektpflicht machen beispielsweise Sinn.

Welche Rahmenbedingungen müssten Ihrer Meinung nach in Österreich geschaffen oder verändert werden, damit neue Startups die schwierige Anfangsphase leichter überstehen und schneller zu Marktreife kommen?

Wir sind uns sicher, dass es im ersten Schritt einen One-Stop-Shop zur Gründung braucht, um die Startphase zu erleichtern. Wir wollen die Mindest-KSt von derzeit 23% streichen, da diese die Liquidität kleiner Unternehmen im ersten Jahr schwer gefährdet. Die Gesellschaftssteuer behindert den Zufluss von Kapital und ist ebenfalls eine völlig unnötige Abgabenart.

Mit der GmbH-Reform wurde ja bereits schon versucht, das Gründen zu erleichtern. Was daran gefällt Ihnen nicht?

Gegen die GmbH-Reform haben wir im Großen und Ganzen nichts einzuwenden. Eine weitere Absenkung des Grundkapitals wäre auch der falsche Weg. Wir wollen zusätzliche Alternativen schaffen. Grundsätzlich ist die GmbH eine sehr statische und alte Unternehmensform. Für ebenso statische Unternehmen mit stabilen Einnahmen- und Ausgabenflüssen passt die GmbH gut. Es braucht für dynamische Unternehmen aber auch dynamische Unternehmensformen.

Sie sagen, die GmbH als Rechtsform wird den Anforderungen, denen Startups heutzutage ausgesetzt sind, nicht gerecht. Inwiefern? Was wäre Ihre Alternative?

Startups sind oft das Gegenteil von statisch. Sie haben phasenweisen keine stabilen Eigentumsverhältnisse oder unregelmäßige Umsätze. Selbst wenn die Umsätze stetig fließen, ist die Finanzierung von Innovationen über den Cash-Flow oft einfach zu langsam. Bankkredite sind heute jedoch immer schwerer zu bekommen. An diesem Punkt hat die GmbH wesentliche Nachteile. Beim Erwerb oder Verkauf von Beteiligungen braucht es Notariatsakte, bei diversen Gesellschafterbeschlüssen braucht es Beglaubigungen, Vollmachen, etc. Für Management- und Mitarbeiterbeteiligungen fehlen an vielen Stellen gesetzliche Voraussetzungen. Darum die Idee der Klein AG. Sie soll eine Alternative schaffen, welche die Vorteile von GmbH wie gesicherter Einfluss und limitierte Risiko, mit der Flexibilität der AG verbindet.

Um aus Österreich ein Land der Gründer zu machen, müsste man auch verstärkt an der Bildung ansetzen, finde ich. Was haben Sie sich für den Startup-Nachwuchs überlegt?

Die Bildungspolitik ist eines unserer absoluten Schwerpunktthemen, Teil unserer Gründungsgeschichte und nimmt dementsprechend breiten Raum in unseren Plänen für ein neues Österreich ein. Wenn es uns gelingt, die Schülerinnen und Schüler, ihre Interessen und Talente in den Mittelpunkt zu stellen, wenn es uns gelingt, sie zu auf ihrem Weg zu kritischen selbstständig denken Menschen zu unterstützen, dann haben wir auch den Keim für einen Startup-Nachwuchs gelegt. Die Selbstständigkeit eignet sich nicht für jeden. Wir sind aber überzeugt, dass wir hier noch viel unentdecktes Potential heben können.

Dass der Faktor Arbeit entlastet werden muss, zählt ja mittlerweile zum Standardprogramm der Ankündigungspolitik. Worauf fokussieren sich diesbezüglich Ihre Ideen?

Sie sagen es – die Entlastung des Faktors Arbeit fordern mittlerweile alle. Man muss es bloß tun. Das ist aber nur möglich, wenn es eine entsprechende Gegenfinanzierung gibt. Hier liegt also der Schlüssel. Dabei sehen wir, dass wir in Österreich immer noch sehr viel Geld verschwenden, das wir besser nutzen könnten. Wir wollen daher die vielen Einsparungspotentiale, wie sie beispielsweise der Rechnungshof seit Jahren auflistet endlich heben. Und dann muss die Steuer- und Abgabenquote gesenkt werden – in einem ersten Schritt von über 44% im Durchschnitt auf unter 40%. Damit bleibt auch den Menschen mehr Geld zum Leben.

Österreichs Startup-Szene ist sehr stark auf Wien konzentriert. Aber auch in den Bundesländern steckt viel Potential. Wie möchten Sie das ausschöpfen? Wie kann Ihrer Meinung nach ein Zusammenrücken von Wien mit den Bundesländern gefördert werden?

In Ihrer Frage steckt eine sehr richtige Analyse. Wir NEOS leben in der Praxis vor, wie das gehen könnte. Wir sind über ganz Österreich verstreut und arbeiten trotzdem tagtäglich eng und intensiv zusammen. Dabei helfen uns natürlich neue Formen der Kommunikation und Kollaboration. Darüber hinaus wollen wir das oben zu den Startups Ausgeführte natürlich in und für alle Bundesländer umsetzen.

Inhaltlich sind Sie nicht weit vom Wirtschaftsflügel der Grünen entfernt. Auch zu ÖVP und Piraten gibt es Parallelen. Wie grenzen Sie sich ab?

Auch andere Parteien haben gute Ideen. Die Grünen haben aber immer noch großes Misstrauen gegenüber Unternehmern – wir sind da viel wirtschaftsfreundlicher. Aus diesem Grund sind ja auch namhafte Vertreter der Grünen Wirtschaft zu uns NEOS gekommen. Außerdem haben wir mehr Vertrauen in die Menschen und wollen sie daher nicht bevormunden. Die ÖVP regiert seit Jahrzehnten dieses Land mit, ist aber eine Gefangene ihrer eigenen Strukturen. Ihr politisches Handeln ist geprägt von Taktik und zum reinen Machterhalt degeneriert. Am deutlichsten sieht man das am Stillstand in der Bildungspolitik, aber auch in anderen Feldern, in denen sie in erster Linie ihre eigene Klientel bedienen. Zu vielen Piraten haben wir auch persönlich ein sehr gutes Verhältnis. Allerdings neigen sie dazu, das Kind mit dem Bad auszuschütten. Aber wie gesagt: Gute Leute gibt es überall.

© Bild: APA/Georg Hochmuth

Ist NEOS eine Art Lifestyle-Partei? 

Nein. Eigentlich fast im Gegenteil. Wir sind zwar ein Sprachrohr der Jungen, der uns nachfolgenden Generationen, aber genau dafür haben wir ein breites Zelt aufgebaut. Unter diesem versammeln sich Menschen aus allen politischen Richtungen, die eines nicht haben – einen gemeinsamen Lifestyle.

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, mit NEOS in den Nationalrat einzuziehen?

Wir schätzen unsere Chance ausgezeichnet ein. Es wird zwar knapp, aber je mehr Menschen von uns und unserem Programm erfahren, desto mehr sammeln sich um NEOS.

Aber jetzt mal ehrlich: Gibt es in Österreich überhaupt genug Wähler für liberale Ansätze?

Ja, mit Sicherheit. Allerdings ist das eine recht inhomogene Gruppe, die sich durchaus auch in „liberalen“ Flügeln anderer Parteien wiederfinden. Wir wollen ihnen aber ein kluges Angebot für eine pragmatische und evidenzbasierte Politik machen, um den Stillstand im Lande zu beenden.

Schaffen Sie es ins Parlament, sind Sie an der Regierung interessiert?

Ja, NEOS will seine Ideen umsetzen. Das geht als Bürgerbewegung, das geht noch besser als Parlamentsfraktion und das geht am besten in einer Regierung.

Welches Ministeramt würden Sie dann gerne übernehmen?

Aus unseren politischen Schwerpunktsetzungen lassen sich auch Ministerien herauslesen, die uns besonders interessieren. Um nur zwei, drei konkrete zu nennen: das Bildungsressort, aber auch das Wissenschaftsministerium. Könnte man ja zusammenfassen. Das Wirtschaftsministerium wird von seinen Kompetenzen her überschätzt. Das könnte und sollte man aufwerten.

Wie würde Österreichs Startup-Landschaft mit NEOS an der Regierung in 5 Jahren aussehen?

Wir wollen zunächst weniger prekäre Beschäftigungsverhältnisse. In der Kreativ- und Innovationswirtschaft arbeiten viele Menschen unnötigerweise in halb legalen Beschäftigungsverhältnissen, weil Rot-Schwarz seit Jahrzehnten den Wandel der Arbeitswelt ignoriert.

Dann wollen wir durch Investitionsanreize und flexiblere Unternehmensformen einen Startup-Boom ausgelöst haben. Schlussendlich könnten sich dadurch Schwerpunkte herausbilden, für die die österreichischen Standorte international bekannt sind. Innovationsfelder, bei denen man automatisch an Wien oder Graz denkt.

Eine letzte Frage: Wieso eigentlich pink?

Warum nicht? Ist eine starke Farbe, die zu etwas völlig Neuem passt, weil sie politisch noch nicht besetzt war.

 

 

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