Interview: Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger warnt vor „Big Data-Diktatur“

Big Data – was bringt das? Mehr als nur Überwachung und Marketing: Eine Revolution nämlich, die unser Leben verändern wird, sagt der österreichische Jurist, Internetexperte und Buchautor Viktor Mayer-Schönberger. Im Interview mit internetszene.at spricht er über die Chancen und Schattenseiten der Auswertung gigantischer Datenmengen.

Unsere digitalen Spuren werden immer mehr. Indem wir online kommunizieren und die Welt versuchen, in allen Aspekten zu vermessen, entstehen unfassbare Datenmengen. Dieses digitale Universum verdopple sich alle zwei Jahre, wurde vor zwei Jahren prognostiziert. Inzwischen wächst es noch viel schneller. Wir messen die Daten jetzt in Zettabyte. Das ist eine Zahl mit 21 Nullen. Aber was tun mit all diesen Daten? Ganz einfach: Sammeln, speichern, analysieren, Geld verdienen. Im Fachjargon heißt das Big Data.

„Big Data darf uns nicht kontrollieren“

Mit Big Data-Analysen kann man eine Menge Geld machen sowie Macht und Einfluss gewinnen. Unternehmen nutzen Big Data für personalisierte Werbung. Nachrichtendienste versuchen sich damit in der totalen Überwachung. Darüber hinaus kann Big Data aber auch tatsächlich einen Nutzen für die Gesellschaft bringen, sagt Viktor Mayer-Schönberger. Er hat ein Buch über die Analyse online verfügbarer Daten geschrieben. Darin geht er dem Phänomen Big Data auf den Grund. Viktor Mayer-Schönberger ist Professor für Internet Governance in Oxford und gründete unter anderem den österreichischen IT-Virenspezialist Ikarus. Sein Buch „Big Data“ wurde in den USA zum Bestseller. Jetzt ist es im Redline-Verlag auch auf Deutsch erschienen. Mit Interview mit internetszene.at erklärt der in Österreich geborene Jurist und Internetexperte, was wir von Big Data haben, und dass nicht alles, was als Big Data bezeichnet wird, auch tatsächlich Big Data ist. 

Viktor Mayer Schönbergers Buch “Big Data” wurde in den USA ein Bestseller. Jetzt ist es im Redline-Verlag auch auf Deutsch erschienen.

Vor einigen Tagen ist Ihr Buch „Big Data“ auf Deutsch erschienen. Darin sprechen Sie von einer Revolution, die unser Leben verändern wird. Mit welchen Veränderungen müssen also wir künftig rechnen? 

Mit Veränderungen in allen Lebensbereichen – im Kern geht es darum, dass wir mit Hilfe von Big Data bessere Entscheidung treffen werden können, weil uns Big Data dazu bessere Entscheidungsgrundlagen und Vorhersagen liefert. 

Wie genau funktioniert Big Data und was haben wir davon?

Big Data ist die Möglichkeit, aus einer großen Zahl an Daten Einsichten zu gewinnen, die sich aus einer kleinen Zahl an Daten nicht gewinnen lassen. Ein wenig ist das so wie der Unterschied zwischen Fotografie und Film: Film ist auch nichts anderes als viele Fotos, die man in kurzen Abständen hintereinander aufnimmt und dann zeigt, aber dieses Mehr führt zu einer neuen Qualität, eben der Wiedergabe von Bewegung. Genau so ist es auch mit Big Data: Auch hier führt eine dramatische Zunahme der Quantität zu einer neuen Qualität der Einsichten in die Wirklichkeit, die sich daraus gewinnen lassen.

Sehen Sie Big Data als eine positive Entwicklung?

Big Data ist zunächst einmal ein sehr mächtiges Werkzeug. Richtig eingesetzt kann Big Data unser Leben verlängern und verbessern, daran besteht für mich kein Zweifel. Aber gerade weil es ein mächtiges Werkzeug ist, kann es in falschen Händen auch zu schlimmen Missbrauch führen. Hier müssen wir frühzeitig entsprechende Vorkehrungen treffen, damit Big Data nicht beginnt uns zu kontrollieren.

Was ist die Schattenseite von Big Data?

Vor allem, dass wir Big Data verwenden, um Menschen für Verhalten verantwortlich zu machen, das sie noch gar nicht gesetzt haben, sondern nur der Big Data-Algorithmus vorhersagt, dass sie es wahrscheinlich setzen werden. Allgemeiner formuliert: Es geht um die Gefahr durch die Diktatur der Daten – der Gefahr, dass wir den Ergebnissen der Big Data-Analyse mehr Bedeutung zumessen als ihnen zukommt.

Es gab bisher auch ohne Big Data-Analysen Möglichkeiten, Phänomene zu untersuchen und auf die Gesamtbevölkerung zu schließen. Was ist an Big Data besser?

Ja, aber diese Methoden, die zumeist auf randomisierten Samplen beruhen, sind nichts anderes als eine Krücke aus einer Zeit, als die Sammlung und Analyse großer Datenmengen zu teuer und zeitintensiv war. Samples bergen immer die Gefahr, dass sie nicht repräsentativ sind. Bei Big Data, also wenn ich annähernd alle Daten sammle und auswerte, besteht diese Gefahr nicht. Und Samples können nur Fragen beantworten, die vor ihrer Sammlung schon bekannt waren. Big Data hingegen kann uns helfen die richtigen Fragen zu stellen – auch nachdem die Daten bereits gesammelt sind. Schließlich kann bei Big Data auch beliebig in die Details hineinfokussiert werden, was Samples ebenfalls nicht zulassen. Samples sind also Krücken, die schrecklich alt aussehen im Vergleich zu Big Data.

Das Thema Big Data wird derzeit vor allem von denen propagiert, die damit viel Geld verdienen möchten. Wie sehen Sie diesen Hype? Was sind Ihrer Meinung nach die Chancen und Grenzen der Auswertung gigantischer online verfügbarer Datenmengen?

Wie stets versuchen viele ihre Produkte und Dienste zu verkaufen, indem sie ein populäres Label verwenden. Vieles, was als Big Data bezeichnet wird, ist keineswegs Big Data und hat damit auch nur wenig zu tun. Hier wird sich – wie bei jeder neuen Entwicklung über die Zeit – die Spreu vom Weizen trennen. Was bleiben wird, sind jene, die tatsächlich Big Data machen, und der Einsatz dieses “echten” Big Data wird uns die Wirklichkeit besser und wahrhaftiger sehen lassen als wir das bisher, auf der Basis von zum Teil wilden Theorien und Small Data können.

Sehen Sie eine Gefahr, dass wir uns eine Welt kreieren, in der man nur noch auf Daten fixiert ist?

Ja, das ist die bereits erwähnte Gefahr von Big Data. Aber wir dürfen dabei auch nicht vergessen, dass heute die größte Gefahr ist, so weiter zu machen wie bisher: nämlich viele Entscheidungen nicht auf Daten zu stützen, sondern auf Vorurteile. Hier können wir durch den Einsatz von Big Data nur gewinnen.

Wie kann der Missbrauch von Big Data-Analysen verhindert werden?

Indem wir uns klar machen, was Big Data nicht kann. Vor allem kann uns Big Data in der Regel nur Korrelationen aufzeigen, aber nicht Ursachen freilegen. Zu wissen, was passiert – wenn auch nicht warum – ist in vielen Fällen trotzdem sinnvoll. Nur dürfen wir den Big Data-Analysen nicht unterstellen, sie könnten mehr.

Viele Apps und Networking-Tools sind kostenlos, weil Nutzer ihre Daten in Sozialen Netzwerken zur Verfügung stellen. Wie beurteilen Sie dieses Geschäftsmodell?

Nein, sie sind nicht kostenlos. Nutzer “zahlen”, indem sie ihre Daten überlassen. Sie sind also lediglich nicht mit unmittelbaren monetären Kosten verbunden. Das ist ein “Deal”, den ganz offensichtlich viele NutzerInnen schätzen.

Sie sprechen sich auch für das Recht auf Vergessenwerden im Internet aus. Wie genau meinen Sie das? Ist das nicht ein Widerspruch zu der Big Data-Idee?

Nein, denn Big Data-Ergebnisse werden durch unrichtige oder nicht mehr zutreffende Daten verfälscht. Wenn Amazon ein Buch empfiehlt aufgrund eines früheren Einkaufs für einen Lebenspartner, von dem ich mich getrennt habe, werde ich mit den Empfehlungen wenig Freude haben. Das Vergessen von irrelevanten Daten ist also durchaus sinnvoll – und genau das macht auch das menschliche Vergessen: Es entsorgt Erinnerungen, die nicht mehr relevant sind für unser Handeln und Denken in der Gegenwart.

Warum ist Ihnen dieses digitale Vergessen wichtig?

Weil wir sonst nicht abstrahieren können, nur mehr die Bäume, nicht aber den Wald sehen. Jedes menschliche Lernen erfordert das Vergessen des Einzelfalls und der Details und eine Verallgemeinerung. Indem die digitalen Werkzeuge uns das Vergessen nicht mehr erlauben, hemmen sie unsere Fähigkeit zu lernen, zu wachsen, und die Welt zu verstehen.

Haben Sie selbst jemals negative Erfahrungen mit dem Umgang Ihrer Daten im Netz gemacht?

Ich gehe mit meinen Daten sehr vorsichtig um. Deshalb bisher: Nein.

Viele Leute machen sich scheinbar häufig eher wenige Gedanken über den Umgang mit Informationen über sie. Zeichnet sich da ein Trend ab? Oder wird zunehmend ein Umdenken einsetzen?

Ich denke, die 350 Millionen Fotos täglich, die nicht mehr über Facebook, sondern eben über Snapchat kommuniziert werden, zeigen ein steigendes Bedürfnis der Menschen nach Werkzeugen, die auch vergessen können. Es machen sich also in den letzten Monaten und Jahren wohl eine zunehmende Zahl von Menschen Gedanken.

Freiwillig oder unfreiwillig – wir geben alle täglich Daten von uns preis und hinterlassen digitale Spuren. Was ist Ihr Rat für einen sinnvollen Umgang mit den eigenen Daten?

Die digitalen Werkzeuge bewusst zu verwenden und bewusst zu wählen – denn heute sind wir nicht mehr darauf angewiesen, nur Facebook benutzen zu müssen. Wir können auch auf andere Dienste ausweichen, die vorsichtiger mit unseren Daten umgehen, wenn dies in einer Situation uns notwendig erscheint.

 

Keine Kommentare.

Stellung nehmen