Experten-Antworten auf die 7 wichtigsten Fragen rund ums Scheitern

Wie ein Damoklesschwert schwebt das Thema „Scheitern“ über jeder Gründungsphase. Was man gegen die Angst vor dem Misserfolg tun kann und wann man tatsächlich die Reißleine ziehen muss, haben wir Entrepreneurship-Professor Alexander Keßler gefragt.

Machen wir uns nichts vor: Aus den meisten Startups wird nichts. Sie scheitern. Jenseits der großartigen Gründerstorys wird oft vergessen, dass viele gar nicht zum Erfolg kommen. Genau deshalb sitzt angehenden Gründern trotz all des überschäumenden Enthusiasmus auch immer die Angst vor dem Misserfolg im Nacken. Mit der Sicherung hoher Überlebensquoten von Gründungsunternehmen setzt sich Alexander Keßler in seiner Arbeit als Professor am Institut für Unternehmensführung der FH Wien auseinander. Dort leitet er das Kompetenzzentrum Entrepreneurship. Für internetszene.at hat Alexander Keßler die wichtigsten Fragen rund um das Thema Scheitern beantwortet.

Woher weiß ich, dass meine Geschäftsidee etwas taugt? 

Alexander Keßler, Professor für Entrepreneurship an der FH Wien

Wenn die Idee im Gespräch mit anderen Interesse weckt beziehungsweise, wenn du sie überzeugend vermitteln kannst. Dabei muss die Idee kritischem Hinterfragen standhalten beziehungsweise es müssen Lösungen für eventuelle Schwachstellen gefunden werden können. Eine gute Geschäftsidee sollte ein Problem lösen beziehungsweise ein Bedürfnis decken, das auch für möglichst viele andere Personen wichtig ist. Diese Personen sollten bereit sein, annähernd so viel dafür zu bezahlen, wie die aktuelle Preisvorstellung ist. Oft hilft auch ein Blick ins Ausland: Gibt es schon in anderen Ländern Unternehmen, die mit ähnlichen Ideen erfolgreich waren? Es geht also keineswegs darum, immer „das Rad neu erfinden wollen zu müssen“! Eine realistische Absatzschätzung ergibt ausreichendes Potential. Die Betonung liegt auf realistisch.

Wie überwinde ich die Angst vor der Pleite?

Indem man sich bewusst kritisch mit den Schwächen und Gefahren auseinandersetzt. Und indem man kritisches Feedback von Experten und potentiellen Kunden einholt und sich Gedanken macht, wie man die Schwächen mildern oder beseitigen beziehungsweise die Gefahren bewältigen kann. Anstatt das Scheitern zu tabuisieren sollte man sich aktiv mit einem möglichen Scheitern auseinandersetzen und Alternativszenarien finden.

Was muss ich als Gründer können, um nicht zu scheitern?

Erfahrung und Kontakte in der Branche oder ähnlichen Branchen sind wichtig. Die Mischung aus Branchen-Fachwissen und kaufmännischem Wissen macht´s. Falls ein Teil fehlt, nachholen – z.B. durch berufsbegleitende FH-Studiengänge – oder sich die fehlende Kompetenz ins Team holen! Erfolgreiche Gründer müssen sensibel für Veränderungen des Marktes sein. Sie müssen eine Veränderung der Kundenwünsche, zusätzliche Konkurrenz etc. erkennen und entsprechend flexibel sein, um darauf reagieren zu können. Es ist wichtig, in Alternativen zu denken und zu planen. Eine sehr wichtige Fähigkeit: Durchhaltevermögen bei kritischen Entwicklungen. Falls man kein Ein-Personen-Unternehmen gründet, muss man lernen, Verantwortungen auch abgeben zu können – und zwar an die richtigen, vertrauenswürdigen Teammitglieder. Sonst wird die zeitliche Belastung des Gründers  – vor allem falls das Unternehmen wächst – einfach zu hoch und es bleiben wichtige, oft strategische Dinge auf der Strecke.

Welche Investitionen sind besonders in der Anfangsphase am wichtigsten?

Das ist höchst unterschiedlich je nach Branche. Falls es Mitarbeiter geben soll, jedenfalls die Investition in ausreichend qualifiziertes und motiviertes Personal. Ansonsten in die Kernressourcen der jeweiligen Branche, sodass ich zumindest mit der Konkurrenz mithalten kann beziehungsweise mir möglichst sogar einen wertvollen Vorteil gegenüber der Konkurrenz erarbeiten kann. Zum Beispiel Preisvorteil, Qualitätsvorteil, Servicevorteil oder zusätzliches Feature.

Wie komme ich an Kapital?

Abgesehen von Kapital aus dem Verwandten- und Bekanntenkreis in Österreich nach wie vor meist über den Bankkredit mit entsprechendem Eigenkapitalanteil und Sicherheiten. Finanzierungsformen wie Venture Capital und Business Angels gewinnen nur langsam an Bedeutung und sind auch nur für stark wachstumsorientierte Gründungen wirklich ein Thema. Eine interessante und aktuell auch in Österreich aufkommende alternative Finanzierungsform auch für Kleinstgründungen ist Crowdinvesting.

Wann muss ich die Reißleine ziehen und aufgeben?

Zunächst ist festzuhalten, dass juristisch gesehen spätestens dann die Reißleine zu ziehen ist, wenn Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung drohen. Wenn ein Schuldner seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber seinen Gläubigern nicht erfüllen können wird, muss die Aufnahme eines Insolvenzverfahrens beantragt werden. Natürlich passiert das aber nicht von heute auf morgen, sondern eine krisenhafte Entwicklung baut sich mehr oder weniger schnell auf. Da gibt es drei Phasen: die strategische Krise, die operative Krise und die Finanz- oder Liquiditätskrise. Eine solche krisenhafte Entwicklung lässt sich mittels diverser Indikatoren frühzeitig erkennen und somit beeinflussen. Solche Indikatoren sind zum Beispiel sinkendes Auftragsvolumen, zunehmende Kundenreklamationen, reduzierte Lagerumschlagshäufigkeit, abnehmende Produktivität, Verzögerung von Zahlungseingängen etc. Insofern ist eine laufende Beobachtung derartiger Indikatoren wichtig. Das Aufgeben ist dann ratsam, wenn ein bekanntes Problem trotz genauer Analyse und intensivem und kreativem Bemühen um Gegensteuerung nicht unter Kontrolle zu bringen ist.

Was muss ich konkret beachten und tun, um eine hohe Überlebensquote für mein Startup zu sichern?

Realistisch planen und sich nicht übernehmen. Den Markt beobachten, neue Chancen erkennen und sich, das Team und das Unternehmen weiterentwickeln. Das Team intern beobachten und auf Positives wie Ideen oder Verbesserungsvorschläge und auch auf negative Spannungen, Unzufriedenheit oder Produktivitätseinbußen reagieren. Das Wichtigste: Immer flexibel und innovativ bleiben! Außerdem Netzwerke und Kooperationen aufbauen, ausbauen und intensivieren.

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