Anlagetrend: Crowdinvesting als Konkurrenz zur Börse

Experten gehen davon aus, dass es in absehbarer Zeit eine weitere feste Größe am Kapitalmarkt gibt: Crowdinvesting heißt das Zauberwort. Gemeint ist damit Schwarmintelligenz am Kapitalmarkt als Alternative zu Sparbuch und Börse. Aber kann man damit als Privatanleger auch tatsächlich was verdienen?

Die Goldgräberstimmung, die beim Crowdinvesting herrscht, kommt nicht von ungefähr:  Mitgestalten, Projekte zum Leben erwecken. Eine Welt voller Innovation. Gründer-Enthusiasmus für jedermann. Ein Anlegerparadies?  Unternehmen werben natürlich mit hohen Renditen, die erwirtschaftet werden können, wenn das Geschäftsmodell erfolgreich ist. Das befeuert die Fantasie der Anleger. Es könnte auch passieren, dass große Investoren einsteigen und Kleinanlegern ihre Anteile weit über dem Einkaufswert abkaufen. Theoretisch. Welche Renditechancen Kleinanleger dabei tatsächlich haben, hängt von vielen Faktoren ab.

Der Anlagetrend Crowdinvesting ist eine Art der Finanzierung von Unternehmen durch fremde Unterstützer als „stille Teilhaber“. Mikroinvestoren beteiligen sich dabei über Online-Plattformen mit relativ geringen Beträgen an Startups. „Beim Crowdinvesting investieren viele Personen, also die Crowd, kleinere Beträge in ein Unternehmen und erhalten dafür meist entweder eine Verzinsung, eine (Gewinn-)Beteiligung am Unternehmen oder eine andere vorher abgestimmte mögliche Variante. Bei CONDA zum Beispiel erfolgt die Beteiligung über ein Substanzgenussrecht, was bedeutet, dass der Investor am Gewinn und am Unternehmenswert beteiligt ist. Darüber hinaus bekommen Investoren spezielle Incentives und exklusive Angebote vom Unternehmen“, erklärt Daniel Horak, Geschäftsführer der österreichischen Crowdinvesting-Plattform CONDA, das Prinzip.

100 % Ausfallrisiko im Hinterkopf

Ausgerechnet im Internetwunderland USA verhinderte ein Gesetz bis 2012 die gewinnorientierte Schwarmfinanzierung. Deutschland war hier Vorreiter. 2011 startete dort mit Seedmatch die erste Plattform. Innerhalb von einem Jahr stieg das Investmentvolumen von 400.000 Euro auf rund fünf Millionen Euro an. Die Zahl der Plattformen sprang auf über ein Dutzend. Nicht wenige Experten stehen diesem rasanten Wachstum kritisch gegenüber. Sie mahnen vor einem Überangebot. Das könne nämlich dazu führen, dass Plattformen bei der Auswahl der Startups nicht gründlich genug vorgehen, weil sie eine bestimmte Erfolgsquote erfüllen müssten.

Befürworter sehen das genaue Gegenteil: Projekte, die über entsprechende Internetplattformen angeboten werden, haben zumindest schon einmal eine Art Vorprüfung durchlaufen. Trotzdem ist das Risiko für Anleger hoch: Scheitert ein Projekt, ist das Geld ganz oder zumindest teilweise verloren. Thomas Kainz, Fachanwalt für Bank- und Anlegerrecht in Wien, warnt: „Crowdinvesting kann ein hundertprozentiges Ausfallsrisiko bedeuten, wenn das Startup rote Zahlen schreibt.“ Auch Daniel Horak räumt ein: „Die Beteiligung mittels Substanzrecht ist ein Risikoinvestment und kann im Worst Case, bei Insolvenz des Unternehmens, zu einem Totalverlust der Einlage führen.“

Breites Portfolio beherrscht Risiko

Nichtsdestotrotz: Im Falle eines Erfolgs könnten Anleger schon mit geringen Summen vernünftige Rendite erwirtschaften, so heißt es. „Rendite sind schon mit allen Summen möglich. Was schwer wird: Aus wenig sehr viel zu machen. Es sei denn, man hat einen hervorragenden Riecher, kann selbst viel bewirken oder man ist einfach ein Glückspilz. Dadurch, dass die eingesetzten Summen klein sind, kann man übrigens auch etwas streuen. Ein breites Portfolio macht das Risiko etwas beherrschbarer“, erklärt Wirtschaftsprofessor Nikolaus Franke, Direktor des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der WU Wien.  Die Forschungsschwerpunkte von Franke liegen in den Bereichen Entrepreneurship, Innovationsmanagement und Marketing. Er zählt zu den forschungsstärksten Professoren im deutschen Sprachraum und damit zu  den weltweit führenden  Experten in diesem Gebiet. „Überwiegend geht es beim Crowdinvesting um Investments in einer sehr frühen Gründungsphase. Das bedeutet hohes Risiko, aber auch hohe Chance. Man muss realistisch sehen, dass viele Projekte letztlich nichts werden. Manche werden aber sehr erfolgreich. Auf jeden Fall dauert es immer etwas“, so Franke weiter.

Ist Crowdinvesting für Kleinanleger eine geeignete Alternative zu Sparbuch und Börse?

Prof. Nikolaus Franke, Leiter des Instituts für Entrepreneurship und Innovation der WU Wien:

Aufgrund des hohen Risikos und der großen Chancen ist es auf jeden Fall etwas ganz anderes als ein Sparbuch. Dort ist beides sehr stark begrenzt. Es ähnelt schon mehr der Börse, wobei man dort natürlich sehr weit weg vom Unternehmensgeschehen ist. Als Crowdfunding-Investor ist man sehr nah dran. Und man muss ja auch sagen, dass auch ein Börseninvestment nicht ohne Risiken ist, wie die letzten Jahre gezeigt haben.

Dr. Thomas Kainz,  Fachanwalt für Bank- und Anlegerrecht:

 Hinter dem Anlagemodell Crowdinvesting verbirgt sich eine stille Beteiligung, die eine langfristige Anlagestrategie erfordert, aber – abhängig vom gewünschten Anlagerisiko – jedenfalls eine Alternative zu Sparbuch und Wertpapieren darstellt. Der Vorteil des Crowdinvesting liegt im Gegensatz zur Börse wohl jedenfalls darin, dass ein Kleinanleger „näher am Geschehen“, d.h. am Unternehmen, ist. Erscheint die Börse oftmals wenig greifbar, kann der Anleger die Idee, die hinter dem Startup steckt, oftmals leichter nachvollziehen und manchmal auch eigene Erfahrungswerte einbringen. In dieser Hinsicht eröffnet dieser Trend daher Chancen für Kleinanleger, die meinen, sich in der Branche eines bestimmten Startups gut auszukennen und sich diese Erfahrung zunutze machen können.

Crowdinvesting, das nächste große Ding am Kapitalmarkt

„Der Konsument ist auf der Suche nach neuen Anlageformen und Crowdinvesting stellt – besonders durch den regionalen Bezug – eine völlig neue Alternative dar. Wie bei jeder Geldanlage muss aber auch beim Crowdinvesting mit Sorgfalt vorgegangen werden und ein sinnvoller Anlagemix gewählt werden“, so Horak. Risikofreiheit bei großer Renditenchance gibt es nicht. Crowdinvesting ist ein Risikoinvestment und eröffnet zumindest die Möglichkeit, bei spannenden Projekten ganz vorne mit dabei zu sein und im Idealfall Quantensprünge des Unternehmens mitzuerleben. Die Vorstellung vom Anlegerparadies ist wohl eher eine Utopie. Noch. Crowdinvesting dürfte sich zu einer festen Größe des Kapitalmarktes entwickeln, meint Prof. Franke: „Der Markt bahnt sich seinen Weg. Durch die starke – und grundsätzlich ja auch sinnvolle – Regulierung haben nur wenige Unternehmen Zugang zum privaten Kapitalmarkt. Crowdfunding macht diesen Zugang möglich.“

Alles, was es dazu braucht, sind Mut, Vorsicht und Neugier. Der Mut zur Veränderung, die Vorsicht beim Ausprobieren und die Neugier, um aus Erfahrungen zu lernen. Was das Crowdinvesting aufregend macht, ist nicht die Chance auf Gewinn. Es ist die Tatsache, dass Crowdinvesting eine neue Investmentkultur begründet, in der Anleger Firmen hautnah in ihrer Entwicklung begleiten, am Enthusiasmus der Gründer teilhaben können. Wirtschaft live. „Crowdinvesting ist eine gute Gelegenheit, Startups näher zu erleben und sich dort einzubringen. Das ist eine tolle Sache und kann außerordentlich viel bewirken – sowohl mit dem Startup als auch mit einem selbst“, so Prof. Franke.

Keine Kommentare.

Stellung nehmen