Klartext: 11 Fragen an Moritz Plassnig, CEO von Codeship

Das in Wien entstandene Software-Startup Codeship hat sich vor einigen Wochen ein Investment in Höhe von 1,9 Millionen Euro gesichert und ist gerade dabei damit den US-Markt zu erobern. In Österreich würde Codeship heute allerdings gar nicht existieren, ist sich Gründer und CEO Moritz Plassnig sicher. Er hält derzeit in Boston die Stellung.

Im Interview mit internetszene.at spricht er über seinen Weg ins Ausland und das Negativ-Feedback auf seine Gründung in Österreich. Moritz Plassnig erklärt, wieso man als Gründer ein Sturschädel sein muss und wie er gelernt hat, die Meinung aus Österreich „getrost ignorieren zu können“.

Was ist die Idee hinter Codeship?

„Software is eating the world“ - das heißt: Software verändert eine etablierte Industrie beziehungsweise einen Markt nach dem anderen durch innovative Ansätze und Geschäftsmodelle. Software ist mittlerweile überall zu finden. Nicht nur am Computer, sondern auch am Handy, im Auto und in vielen anderen Alltagsgegenständen. Wir möchten mit Codeship Softwareentwickler, alle Personen und Teams, die Software erstellen, produktiver machen und ihnen ermöglichen, sich stärker auf ihr Kernprodukt zu konzentrieren.

Unser derzeitiges Produkt automatisiert das Releasen neuer Softwareversionen. Große Firmen wie Amazon tun dies permanent, sogar mehrmals pro Minute. Dies ist nur dank eines komplexen, automatisierten Systems möglich und kleinere Firmen haben nicht die Ressourcen und das Wissen ein solches System in-house zu erstellen. Wir stellen ihnen eine SaaS-Applikation zur Verfügung, die sie innerhalb von wenigen Minuten in ihren bestehenden Workflow einbinden und somit ab der ersten Minute produktiver, qualitativer Software erstellen können.

Wann genau hast du den Entschluss gefasst, dich mit dieser Idee selbständig zu machen?

Ende Sommer 2012 nachdem wir , also meine zwei Mitgründer und ich, Codeship bereits 1-2 Jahre als Nebenprojekt entwickelt und unsere ersten Kunden bekommen haben.

Was waren die größten Hürden, die du bei der Gründung überwinden musstest? Und was hat dir dabei geholfen?

Die Entscheidung Vollzeit an Codeship zu arbeiten, obwohl insbesondere in Österreich das Feedback kein positives war. Eine der wichtigsten Eigenschaften als Gründer ist, zu einem sehr stur zu sein, viele Meinungen ignorieren zu können, aber auf der anderen Seite immer offen für Feedback zu sein. Den Mittelweg zu finden ist sehr schwierig und wir haben uns leider viel zu lange davon abhalten lassen, uns zu 100% auf Codeship zu fokussieren.

Dank vieler Gespräche mit anderen Gründern, vor allem aus den USA oder Österreichern beziehungsweise Europäern, die aus Österreich weggezogen sind, haben wir schlußendlich gemerkt und gelernt, dass wir die Meinung vieler Leute insbesondere aus Österreich getrost ignorieren können und sogar müssen. Zusätzlich haben wir permanent gutes Feedback unserer Kunden bekommen. Und die Kunden sind logischerweise einfach das Wichtigste. Ansonsten wären wir wohl nie nach Berlin und Boston gezogen und vor allem die USA ist in unserem Markt Europa/Österreich um Jahre voraus.

Codeship ging also vor etwa drei Jahren in Wien an den Start. Dann ging es für euch nach Berlin und schließlich nach Boston. Wieso hast du den Entschluss gefasst, mit deinem Startup ins Ausland zu gehen? Und warum habt ihr auch das Büro in Wien erhalten? 

Die USA ist der wichtigste Markt für unser Produkt. Zusätzlich ist auch der Zugang zu Risikokapital ein besserer, wenn auch nicht zwangsläufig einfacher. Es gibt mehr Angebot, aber auch mehr Nachfrage. Mit der Entscheidung, dass wir Codeship Vollzeit machen werden, war auch die Entscheidung getroffen, dass wir mittelfristig in die USA ziehen beziehungsweise zumindest ein Büro in den USA aufbauen werden. Berlin war ein wichtiger Zwischenstopp, um einige wichtige Meilensteine bei der Produktentwicklung zu erreichen, einfacher Kundenfeedback zu bekommen. Es gibt in Berlin einfach um das x-fache mehr Softwarefirmen als in Wien. Und abgesehen davon hat es uns sehr geholfen fokussiert als Team zu arbeiten, was uns den Umstieg von Teilzeitprojekt auf Vollzeitarbeit sehr erleichtert hat.

Wäre Codeship in Österreich auch so schnell der Durchbruch mit einem Millionen-Investment gelungen?

Nein, Codeship würde heute nicht existieren.

In Boston bist du als Ein-Mann-Hauptquartier, oder? Wie sieht denn da dein Arbeitsalltag aus?

Wir haben im Moment noch einen weiteren Mitarbeiter in Boston und sind gerade dabei zwei weitere Mitarbeiter anzustellen. Außerdem sind auch laufend Teammitglieder aus Wien in Boston – zum Beispiel einer meiner Mitgründer und ab April einer unserer Programmierer.

Der Alltag unterscheidet sich kaum von dem einer Firma mit nur einem Büro. Anstatt persönlichen Meetings gibt es viele Calls und ich fange eher früher zum Arbeiten an, um die Zeitverschiebung nach Wien etwas auszugleichen.

Wenn du die Startup-Kultur in den USA mit der in Österreich vergleichst: Wo und inwiefern stellst du da Unterschiede fest? Und was begeistert dich am Unternehmertum und am Startup-Lifestyle?

Die Innovationen und den Mehrwert, den Startups erzeugen, wird in den USA bei Weitem mehr wertgeschätzt. Selbstständigkeit ist angesehen und wird gefördert. Die gesamte Kultur ist offener und risikofreudiger. Außerdem gibt es viele bekannte Startups und dadurch Vorbilder. Das hilft natürlich extrem.

Am Startup-Lifestyle begeistert mich, permanent an neuen Herausforderungen zu arbeiten, interessante Probleme zu lösen und dadurch einen Impact auf eine größtmögliche Zielgruppe zu haben.

Ihr seid in der Frühphase abseits von Förderungen über Seedcamp an Geld gekommen. Wie war das Auswahlverfahren bei Seedcamp? Welche Erfahrungen hast du daraus mitgenommen?

Förderungen sind nur bedingt für high-grow Technology Startups geeignet und verlangsamen oft unnötig. Es gibt viele Anwendungsbereiche, in denen diese Sinn machen, für einen Markt und ein Produkt Codeship, wo der Start mit minimalen Kosten verbunden ist, auf keinen Fall. Abgesehen davon war die Aneignung des Wissens, wie man Investoren anspricht, überzeugt und ihnen einen klar strukturierten Business Case liefert längerfristig sicherlich wertvoller. Außerdem wären wir durch Förderungen eventuell unnötig an Österreich gebunden gewesen, was in unserem Fall leider ein großer Nachteil gewesen wäre.

Welche Tipps kannst du anderen Gründern für die Anfangsphase mit auf den Weg geben?

Feedback annehmen, aber gleichzeitig nicht den Glauben an die eigene Idee verlieren, insbesondere wenn Kunden den Nutzen erkennen und bereit sind, dafür zu zahlen. Und keinenfalls etwas gründen nur weil es im Moment hip ist und es so scheint als ob jeder sein eigenes Startup gründen möchte. Wir benötigen definitiv mehr innovative Startups, insbesondere in Österreich und Europa. Eine eigene Firma aufbauen ist jedoch ein sehr hartes Stück Arbeit und unterscheidet sich gravierend von den vielen Artikeln, Interviews und Videos, die man online findet. Ein sehr empfehlenswerter Artikel ist dieser: How much are you willing to suffer?

Was war bisher der größte Fehler, den du als Gründer gemacht hast? Und wie hast du daraus gelernt?

Codeship als Nebenprojekt zu starten, parallel zu einem anderen Startup. Fokus ist enorm wichtig und ist definitiv nicht gegeben, wenn man an zwei Firmen gleichzeitig arbeiten möchte.

Was möchtest du in deinem Leben unbedingt noch erreichen?

Die Liste ist unendlich lange und es ist schwer einen Punkt wichtiger als alle anderen anzusehen. Mir ist wichtig dass ich niemals aufhöre mich zu verbessern, am Boden bleibe und mir nicht in 20, 40 oder 60 Jahren denke: „Oh mein Gott, wieso habe ich dies und das gemacht oder nicht gemacht.“ Abgesehen davon wäre es cool, mal den Marcel Hirscher auf einen Kaffee zu treffen. *lacht*

 

Kommentarabgabe beendet.