Klartext: 11 Fragen an Pia Poppenreiter, Gründerin der Sex-App peppr.it

Für fast alles gibt es inzwischen eine App. Nun auch für käuflichen Sex. Die Geschäftsidee zu peppr.it hatte eine junge Oberösterreicherin. Pia Poppenreiter (Ja, ihr echter Name.) hat BWL mit Schwerpunkt Wirtschaftsethik studiert. Mit ihrem Startup will sie nun das älteste Gewerbe der Welt ins digitale Zeitalter holen. Mit internetszene.at sprach Pia Poppenreiter über die Recherchen in Berliner Bordellen und am Straßenstrich, Zuhälterei und die Suche nach Investoren. 

Sex auf Knopfdruck: Über peppr.it können potentielle Freier Prostituierte bestellen, die genau ihren Wunschvorstellungen entsprechen. Sie geben dafür ihre Postleitzahl und sexuellen Vorlieben an, klicken sich durch Fotos, detaillierte Profilangaben und angebotene Leistungen. Ist eine Dame oder ein Herr dabei, die/der gefällt, gibt man einfach Ort und Zeit ein und versendet eine Buchungsanfrage. Für die Prostituierten entstehen keine Kosten. Nur die Kunden zahlen an die App-Betreiber eine Gebühr. Da Eroktik- und Sex-Apps in App Stores verboten sind, gibt es peppr.it bislang nur als mobile Web-Applikation.

Was ist die Idee hinter peppr.it? Und wie genau funktioniert die App?

Wir möchten Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern möglich machen, ihre Dienstleistung selbstbestimmt, sicher und fern von kriminellen Millieustrukturen auszuüben.

Die App funktioniert so: Also SexarbeiterInnen haben die Möglichkeit, ein Profil auf PEPPR zu erstellen. Das wird von unserer Seite geprüft und ein persönliches Telefonat vereinbart. In dem Telefonat versuchen wir die Person kennenzulernen und ein Gefühl für sie/ihn zu entwickeln. Wenn alles klappt – kann die/der sogenannte “peppr” das Profil selbst freigeben. Der Kunde beziehungsweise die Kundin kann auf PEPPR ihre Vorlieben in einem Suchfilter eingeben. Dann kann man sich in der “peppr-Liste” umsehen. Wenn etwas den Geschmack trifft, kann man sich genauere Informationen aus dem Profil holen. Wenn jemand gefällt, kann man gerne eine Buchungsanfrage abschicken. Diese kann die oder der “peppr” annehmen oder ablehnen.

Ihr verdient an der Vermittlung sexueller Dienstleistungen. Dann seid ihr mit eurer Plattform quasi die Zuhälter?

Grundsätzlich gilt: Zuhälter sind Schwerstkriminelle. Zuhälterei ist ein schwerer Straftatbestand, der mit Gefängnis geahndet wird. Es sollte daher vorsichtig mit einer zu leichtfertigen Zuweisung des Begriffs “Zuhälter” an Personen oder Firmen umgegangen werden. Wir haben eine Firma gegründet, um eine funktionierende Infrastruktur zu haben, um diese App optimal betreiben zu können. Wir kennen die Kritikpunkte, die mit dieser Dienstleistung zusammenhängen, und haben lange überlegt, wie wir mit diesen Fragen umgehen. Unsere Antwort darauf ist: Sexarbeit ist eine seriöse Dienstleistung, also braucht sie eine seriöse Plattform, die ebenso betrieben wird. Unsere Ausgaben und Einnahmen sind verhältnismäßig, transparent und sachlich korrekt. Das ist eine wichtige Basis, auf der alles aufbaut.

Zuhälter agieren im Verborgenen. Der Ruf nach Offenheit und Transparenz ist das Schlimmste, was passieren kann. Wir sind offen und transparent. Unser Visier ist offen. Wir wollen Etwas verändern. Genau deswegen habe ich diese App erfunden. Wir haben nichts mit der Preisgestaltung, Zahlung der Dienstleistung der “peppr” und dem Service der SexarbeiterInnen zu tun. Wir sind ihre Dienstleister, nicht umgekehrt.

Wann genau hast du den Entschluss gefasst, dich mit dieser Idee selbständig zu machen? Und wie hast du das deinen Eltern erklärt?

Meine erste Idee kam mir, als ich Sexarbeiter auf der Straße frieren sah. Ich fing an zu recherchieren und mich mit der Materie seriös zu beschäftigen. Alle reden über die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, aber ich wollte nicht nur reden – und löste eine gewaltige Welle an Reaktionen aus! Es ist für mich sehr ermutigend zu sehen, dass ich da die richtige Entscheidung getroffen habe, indem ich mich dazu entschloss, diese Idee Wirklichkeit werden zu lassen. Meine Eltern standen immer hinter mir. Das ich gerne rebelliere, ist ihnen nicht neu. Sie haben mich von Anfang an unterstützt.

Gab es Momente, in denen du irgendwelche moralischen Bedenken hattest?

Da gibt es nichts zu bedenken.

Wie hast du vor dem Start von PEPPR Kontakt mit den Prostituierten aufgenommen? Über Recherche am Straßenstrich oder in Bordellen?

Ich habe mich über viele Monate mit allen Facetten der Branche auseinandergesetzt, die sehr vielschichtig ist. Ich habe mit vielen Sexarbeiterinnen und Sexarbeitern gesprochen, habe mit vielen Menschen am Straßenstrich gesprochen, bin in Bordelle und Bars gegangen und habe viele interessante Gespräche geführt und hatte wahnsinnig viele verblüffende Erlebnisse. Ich musste lernen, mein Weltbild von Grund auf neu zu denken – etwas, das nicht einfach für mich war.

Ich weiß nun, dass es beileibe keine Einzelsituation ist, dass die Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter diesen Job freiwillig machen, sondern die Regel! Etwas, das im bürgerlichen Weltbild nur schwer Platz findet, und daher für viele Menschen nur schwer erträglich ist, da es die erlernten gesellschaftlichen Normen von Grund auf umkehrt. Dass die Menschen in diesem Berufszweig kein Interesse daran haben, “gerettet” zu werden und die Diskriminierung durch die Gesellschaft und das dadurch erzwungene Doppelleben als erheblich belastender empfunden wird, als die so verfemte “Kundschaft”. Ich habe den Menschen intensiv zugehört und mir Gründe erzählen lassen, warum die einen zum Beispiel lieber im Bordell arbeiten, andere am Straßenstrich oder in einer Escort-Agentur. Es sind Entscheidungen, die hochindividuell aus dem jeweiligen Lebens- und Arbeitsentwurf resultieren und sehr genau durchdacht sind, in allen Konsequenzen – ob gut oder schlecht. Wir können das annehmen oder ablehnen, aber wir müssen es respektieren. Die Leute wissen genau, was sie tun. Es ist sehr, sehr schwer, Einblick in die Szene zu bekommen. Es brauchte lange, um Vertrauen aufzubauen. Ich bin sehr froh und dankbar, dass ich es geschafft habe, Zugang zu diesen verschlossenen Menschen zu bekommen und sie mir ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben.

Wie wählt ihr aus, wer als Sexarbeiter in der App erscheint? Bieten mehr Männer oder Frauen ihre Dienste an? Und inwieweit übernehmt ihr als Vermittler Verantwortung für die Prostituierten bzgl. ansteckender Krankheiten oder Gewalt zum Beispiel?

Wir nehmen selbstbestimmte Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter auf. Augenblicklich sind es hauptsächlich höherpreisige Escortagenturen und Einzelescorts. Aber das ändert sich jeden Tag, da sich tagtäglich viele neue Personen bei uns melden. Wir führen ein persönliches Gespräch mit den potentiellen “pepprs” und wenn alles klappt, können sie dann ihre Profile auf PEPPR freischalten. Das Persönliche ist mir sehr wichtig! Dafür schaufle ich immer Zeit frei, egal wie knapp es bei mir aussieht.

Was die Vermittlung angeht: Wir sind Dienstleister und bieten den Pepprs eine Plattform. Alles was über die App und den Buchungsprozess hinausgeht – also offline – passiert, liegt nicht in unserem Verantwortungsbereich. Das würde auch zu weit führen, da wir nur begrenzte persönliche Ressourcen haben. Und das geht uns auch gar nichts an. Die Leute sind alle Erwachsene, die teilweise weit älter sind als wir, und seit Jahren im Erotikbusiness.

Wir haben aber natürlich Absicherungen: Unser wichtigstes Sicherheits-Feature ist, dass der Kunde oder die Kundin die Kreditkartendetails angeben muss, bevor eine Buchungsanfrage geschickt wird. Das sorgt für Verbindlichkeit und schreckt Leute mit unseriösen Absichten ab. Das klappt sehr gut, wir haben ausnahmslos nur gute Buchungen. Uns freut diese Bestätigung.

Wie wird es mir PEPPR weitergehen? Was ist als nächster Schritt geplant?

Wir beschäftigen uns gerade intensiv mit den vielen neuen Anmeldungen von aktuellen “peppr”-Anwärterinnen und Anwärtern und diskutieren die aktuellen Anschlussfinanzierungen. Wir streben eine internationale Expansion der App an, da wird durch die internationale Presse unfassbar viele Anfragen aus dem Ausland bekommen haben. Es ist sehr ermutigend zu sehen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe, diese Vision umzusetzen.

Ist es schwierig mit einer Geschäftsidee in einer Grauzone Investoren zu finden? Auch das Thema Expansion könnte Hürden mit sich bringen. Nicht alle Länder sind gegenüber Prostitution offen eingestellt.

Das Potential des Marktes lockt Investoren. Für uns steht an erster Stelle, dass alle an einem Strang ziehen, dieselben Absichten haben und dieselbe Richtung anstreben wollen. Wir wollen keine faulen Eier oder Haie. Wir wählen sehr genau aus, denn die Zusammenarbeit muss langfristig funktionieren und darf nicht auf Kosten der Pepprs gehen.

Meinst du, die Gründung von PEPPR wäre auch in Österreich möglich gewesen?

Faktisch ja. Aber nachdem Berlin mein derzeitiger Lebensmittelpunkt ist, stand Österreich als Gründerstandort nicht zur Debatte.

Ist deine Arbeit mit PEPPR das, was du schon immer machen wolltest? Wie kommt es, dass du dich als BWLerin intensiv mit der Erotikbranche auseinandersetzt?

Also ich habe quasi BWL im Grundstudium studiert, habe mich kurz in die Finance- und Investmentbanking-Schiene verirrt und bin dann wegen eines Stipendiums der Steinbeis Hochschule nach Berlin um schwerpunktmäßig Wirtschaftsethik zu studieren. Zuvor habe ich mich nicht intensiv mit der Erotikbranche auseinandergesetzt.

Wie sieht dein Arbeitsalltag aus? Ist das knallhartes Business oder müsst ihr im Team auch einfach viel lachen – über neu gelerntes Vokabular zum Beispiel?

Es ist super spannend und aufregend. Wenn man sich entscheidet zu gründen, dann ist das immer knallhart, egal in welcher Branche. Ich sage immer zum Spaß: „Wenn jemand vor 22:00 Uhr aus dem Büro geht, macht er einen halben Tag Urlaub.” Zudem muss man mit knappem Budget unter extremen Zeitdruck viel schaffen. Dafür braucht man starke Nerven.

Und im Startup gibt es nicht wirklich einen Alltag. Meistens endet die Woche ganz anders als angedacht. Aber es ist immer lustig bei uns. Ich lege sehr viel Wert darauf, dass alle bei uns im Team sich intensiv mit dem Thema und der Branche auseinander setzen. Die Leute müssen wissen, worum es geht. Es ist wichtig die Branche realistisch zu denken. Ein “uii alles supi” ist genauso kontraproduktiv wie ein “alles Opfer”-Denken. Es sind Menschen und diese Menschen haben Bedürfnisse. Unser Denken fängt von da an, nicht umgekehrt.

Was möchtest du in deinem Leben unbedingt noch erreichen?

Es sind nicht konkrete Ziele, die ich erreichen will sondern eher ein Streben, das ich mir beibehalten möchte. Ich möchte nie aufhören den Status quo infrage zu stellen und vor allem manchmal zu rebellieren.

Kommentarabgabe beendet.