Interview mit Stefan Theißbacher, CEO von FragNebenan

Nachbarn können mehr als nur Lärm machen. Selbst in der Großstadt. Sie verleihen Kartoffeln, Milch, und Bohrmaschinen, füttern Goldfische und gießen Blumen, wenn man im Urlaub ist. Sie nehmen Pakete entgegen und kennen gute Ärzte, Handwerker, wen auch immer. Man muss sie nur fragen. Um aber überhaupt miteinander in Kontakt zu treten, brauchen die urbanen Nachbarn wohl eine Starthilfe. Das übernimmt in Wien Stefan Theißbacher mit seinem Team und der Plattform FragNebenan. Die Idee: Mit ein paar Klicks sollen sich Hausgemeinschaften ihr eigenes soziales Netzwerk schaffen.

 

Wann hat dir zuletzt ein Nachbar aus der Patsche geholfen?

Vor etwa zwei Wochen. Ich hatte meine Mitgründer Samstagabend bei mir zum Essen eingeladen, um den Start der Pilotphase zu feiern. Als ich zu kochen begann, habe ich bemerkt, dass die Kartoffeln aus waren. Der Supermarkt hatte schon zu. Der Nachbar von schräg gegenüber nicht.

Du kommst ursprünglich vom Land. Hat dich die Anonymität in der Großstadt anfangs geschockt, als du nach Wien gezogen bist?

Im Gegenteil, ich war froh darüber. Ich komme aus einem kleinen Ort aus Kärnten und habe die Anonymität in Wienbefreiend gefunden. Aber als Wien zu meinem Lebensmittelpunkt geworden ist, begann ich umzudenken. Es begann mich zu stören, dass ich keinen der Menschen, mit denen ich unter einem Dach wohne, auf der Straße erkennen würde.

Was macht für dich denn gute Nachbarschaft aus? Wünschst du dir mehr dörfliches Zusammenleben in Wien?

Gute Nachbarschaft ist für mich, dass man Nachbarschaft nicht nur als nebeneinander wohnen begreift, sondern als Gemeinschaft. Vieles von dem, was am Land ganz selbstverständlich funktioniert, ist in großen Städten verloren gegangen. Mit FragNebenan wollen wir die guten Aspekte – wie sich zu kennen, einander zu unterstützen und aufeinander achtzugeben – wieder in die Stadt zurückbringen.

Wie funktioniert FragNebenan? Und was ist deine Vision damit?

Es braucht nur einen Nachbarn, der sein Haus mit ein paar Klicks anlegt, die anderen Nachbarinnen und Nachbarn dazu holt und zu kommunizieren beginnt. Abhängig vom Thema kann er sich entscheiden, ob er sich an einzelne Nachbarn, das ganze Haus oder an die Umgebung wendet. Neben der Möglichkeit, sich zu vernetzen, findet er über das Profil seines Hauses bald auch Serviceinformationen, wie die Kontaktdaten der Hausverwaltung, Notrufnummern oder die Termine von Stromablesung und Müllabholung. Meine Mitgründer und ich wollen so Anrainer zu Nachbarn machen. Nachbarn, deren Türen offen stehen.

Ist die Plattform eine Art Intranet für die Hausgemeinschaft?

In gewisser Weise ja. Im Zentrum der Nachbarschaft steht das eigene Haus. Darum herum werden aber  auch alle Nachbarn eingebunden, die innerhalb eines Radius von 500 Metern leben, also in wenigen Minuten zu Fuß erreichbar sind.

Was war für dich ausschlaggebend, um dich mit dieser Idee selbständig zu machen?

Dass der soziale Aspekt von FragNebenan mit einer echten wirtschaftlichen Perspektive einhergeht. Ich habe in FragNebenan die Chance gesehen, mir das Unternehmen aufzubauen, in dem ich immer schon gerne arbeiten wollte.

Wieso brauchen Großstädter ein Online-Projekt zur Nachbarschaftshilfe? Muss man da nachhelfen, weil die von alleine einfach nicht so nett und hilfsbereit sind?

Viele Leute klopfen nicht bei ihren Nachbarn an, weil sie diese nicht in ihrer Privatsphäre stören wollen. So beschränkt sich der Kontakt zu den Nachbarn oft auf zufällige Begegnungen im Stiegenhaus oder wird überhaupt erst dann gesucht, wenn es irgendein Problem gibt. FragNebenan bietet Nachbarn eine Art Online-Gemeinschaftsraum, in dem sie unkompliziert aufeinander zu gehen und sich rund um die Uhr austauschen können.

Stichwort Datenschutz. Wie sieht´s damit bei FragNebenan aus?

Wir tun alles, was uns möglich ist, damit die Daten unserer Nutzer bei uns sicher sind und ihre Privatsphäre gewahrt bleibt. Das reicht von verpflichtender Verifizierung in Kombination mit frei wählbaren Benutzernamen über Datensparsamkeit bei den Benutzerprofilen gepaart mit weitreichenden Privatsphäre-Einstellungen bis zum Verzicht auf Google Analytics und Social Plugins. Postings werden nach 12 Monaten automatisch gelöscht. Und: Wenn ein Nutzer sein Konto löscht, dann werden seine Daten umgehend und dauerhaft gelöscht.

Wie wird die Plattform bisher angenommen?

Am 30. Mai haben sechs Freunde von uns FragNebenan in ihrem Haus angelegt. In den ersten zwei Wochen hat sich die Zahl der Häuser – ohne aktives Marketing – mehr als verfünffacht! Wir haben gerade das MVP fertiggestellt und im 7. Bezirk in Wien gestartet. Dort sammeln wir jetzt Erfahrung und entwickeln die Plattform unter Einbeziehung des Feedbacks unserer Nutzer weiter.

Wie finanziert sich die Plattform?

Aktuell finanzieren wir uns über unsere Ersparnisse und Förderungen. Demnächst bieten wir Hausverwaltungen eine Schnittstelle, über die sie mit den Menschen in den von ihnen betreuten Häusern effizient kommunizieren können. Mittelfristig werden wir es lokalen Unternehmen ermöglichen, via FragNebenan direkt in ihrem Einzugsgebiet Werbung zu machen.

Und was sind die nächsten Ziele? Was möchtest du mit FragNebenan unbedingt erreichen?

Bis zum Jahresende wollen wir den Proof of Concept schaffen und FragNebenan dann mit Hilfe von Investoren so schnell wie möglich in allen großen Städten in Österreich und Deutschland etablieren.

Kommentarabgabe beendet.