Privatsphäre hin oder her: Österreich im Visier der NSA

Manche Jubiläen sind einfach nur zum Kotzen. Das Einjährige der NSA-Affäre ist so eines. Wer das Internet anonym nutzen möchte, hat gute Chancen genau dadurch ins Fadenkreuz der NSA zu geraten. So ist es Sebastian Hahn passiert, einem Studenten aus Deutschland.

Es hört einfach nicht auf. Es ist ein unangenehmes Gefühl, das sich nur schwer verorten lässt. Und doch ist es jedes Mal exakt dasselbe. Ein beklemmender Druck im Brustkorb und im Kopf, im Hals fühlt es sich an wie irgendwas zwischen Atemnot und Brechreiz, die Augen zusammengekniffen, tiefe Furchen kreuz und quer über die Stirn. Klare Sache: Macht hässlich, ist hässlich und wird immer hässlicher die NSA-Spionage. Kein Monat vergeht, in dem sie uns nicht irgendwie übermannt. Und das schon seit einem Jahr.

Vor ziemlich genau einem Jahr nämlich erfuhr die Weltöffentlichkeit von den massiven Überwachungsprogrammen der NSA. Angela Merkel konstatierte „Neuland“, manche erklärten die Affäre schon für beendet, Edward Snowden sitzt in Moskau fest. Und ich überlege  mir unterdessen: Wen würde ich eigentlich gerne mal ausspähen lassen? Die Fifa zum Beispiel. Oder den syrischen Präsidenten. Oder die NSA selbst. Die Lebensmittelindustrie, die Rüstungsindustrie, schmierige Lobbyisten . Und zugegeben: Manchmal auch gerne meinen Nachbarn. Aber wirklich nur ganz manchmal. Weil ich ja weiß, wie bescheuert ich ihn eigentlich finde und wie schnell mich Bescheuerte langweilen. Mister Bean wäre da spannender. Nordkoreas Kim Jong Un wäre auch gut. Aber es geht mich einfach nichts an. Privatsphäre ist ein Menschenrecht.

Privatsphäre hin oder her

Die NSA greift trotzdem Internetdaten im großen Stil ab. Aber wieso die von Sebastian Hahn? Sebastian ist Student und hat eine Software geschaffen. Eine ziemlich coole sogar. Er beschäftigt sich in seiner Freizeit mit Verschlüsselung im Internet. Genau das ist der Grund, weshalb er ins Fadenkreuz der NSA geraten ist. Er betreibt einen Server für das Anonymisierungsnetzwerk Tor, mit dem Nutzer versuchen ihre Spuren im Internet zu verwischen.  Insbesondere Menschenrechtler in Ländern wie dem Iran sind auf dieses Programm angewiesen. Auch die chinesische Internetzensur lässt sich mit Tor umgehen. Tor ermöglicht es nämlich, unerkannt durch das Web zu surfen. Rufen Nutzer eine Seite auf, wird die Anfrage nacheinander durch ein verteiltes Netzwerk von Servern geleitet. So ist nicht mehr nachvollziehbar, wer welche Seite aufgerufen hat. Tor soll also vor Überwachung im Internet schützen.

Achtung, heiß!

Wer das Netzwerk aber nutzt oder einfach diesen Link anklickt, landet wohl in einer Datenbank der NSA und gilt als „Extremist“. Klingt absurd, ist tatsächlich aber noch absurder: Tor wurde als Projekt anfangs vom US-Militär unterstützt und ist mittlerweile eine Non-Profit-Organisation. Einen Großteil der Finanzmittel erhält Tor aber bis heute von der US-Regierung. Diese hält alle Nutzer zugleich für „Extremisten“. Das geht aus der Kommentarspalte des NSA-Codes hervor.

NSA-Spionage in Österreich

Sebastian soll für Tor einen „Directory Authority“-Server betrieben haben. Quasi den Einstiegsort in das Netzwerk, denn über diesen Server erfahren Tor-User, welche anderen Tor-Sever noch aktiv sind. Weltweit gibt es nur neun von diesen Directory Authorities, die alle von der NSA ausspioniert werden, so tagesschau.de. Darunter soll sich auch ein Rechner in Österreich befinden. Das wäre dann der erste konkrete Fall von NSA-Spionage in Österreich.

Digitale Totalüberwachung

Nach Angela Merkel ist Sebastian Hahn das erste namentlich bekannte Opfer. Aufgedeckt haben diesen Fall deutsche TV-Journalisten. Die Adresse seines Rechners taucht in NSA-Dokumenten auf, ein Quellcode, der offenbar zur mächtigen Spionagesoftware XKeyscore gehört. Dieses Spionagetool ermöglicht annähernd die digitale Totalüberwachung. Ausgehend von Metadaten lässt sich rückwirkend sichtbar machen, welche Stichworte Zielpersonen in Suchmaschinen eingegeben haben. Sogar auf Volltexte von E-Mails wird zugegriffen, deren Inhalte ausgewertet und gespeichert. Schockierend. Wilhelm Busch schrieb einmal: „Wer durch des Argwohns Brille schaut, sieht Raupen selbst im Sauerkraut.“ Wilhelm Busch war ein kluger Mann.

Was Sebastian zum Verhängnis wurde: Er wollte etwas Gutes tun. Die Folge: ein Rieseneingriff in seine Privatsphäre. Na gut: Hätte ich Zugriff auf Frau Merkels Handy gehabt, hätte ich auch ihre SMS gelesen. Aber nur die privaten. Um zu wissen, welchen Kosenamen sie ihrem Mann gibt. Und um mir dann meinen Teil zu denken. Aber das wäre natürlich ein Rieseneingriff in die Privatsphäre der beiden. Es geht mich einfach nichts an. Hätte ich ein Spionage-Tool, wäre das fatal.

Kommentarabgabe beendet.