Klartext: 11 Fragen an Helmut Juskewycz, CEO von Lingohub

Dem Karrieredruck hat sich Helmut Juskewycz nach dem Studium brav gebeugt und bei Siemens gearbeitet. Aber nur kurz. Dann hat er sich nämlich doch getraut in die Startup-Welt einzutauchen. Zunächst bei Runtastic und Jumio.  Nun zieht er aber seit ziemlich genau zwei Jahren sein eigenes Baby auf: Lingohub, eine Rundum-Sorglos-Lösung für Übersetzungen. Im Gespräch mit internetszene.at erzählt er, wie und warum der Unternehmergeist bei ihm durchgebrochen ist und was er als Gründer bisher alles wegstecken musste. Über Zauberwürfel, Kitesurfen und Salsa haben wir auch gesprochen.

Lingohub gibt es jetzt ziemlich genau seit 2 Jahren. Was ist die Idee dahinter? Wer nutzt Lingohub wofür?

Die Idee ist einfach erklärt: Wir wollen das Übersetzen von digitalen Inhalten so einfach wie möglich machen. Die Idee dazu hatte ich während meinen vorherigen Aktivitäten bei den Startups Runtastic und Jumio. Die Probleme mit Lokalisierung und die damit verbundenen hohen Zusatzkosten bei Entwicklern, schrecken viele davon ab, ihre Produkte mehrsprachig zu machen. Einzelverträge mit Freelancern oder Agenturen abschließen, übersetzte Texte wieder zurück in das Produkt integrieren, Textversionen abgleichen – all das verursacht Kopfschmerzen und vergeudet wertvolle Ressourcen. Je kleiner das Unternehmen, desto fataler. Gleichzeitig kann man von Übersetzern nicht erwarten, sich mit komplizierten Entwicklertools und Dateiformaten herumzuschlagen. Ich kam zu dem Schluss, dass die Lösung eine einfach skalierbare SaaS Web-Applikation mit dazugehöriger Integration für Entwicklerwerkzeuge sein muss. Das Ergebnis ist Lingohub. Erste Erfahrungen mit Kunden zeigen, dass wir mit Lingohub  die Kopfschmerzen im Lokalisierungsprozess erfolgreich beseitigen und damit einen echten Mehrwert bieten.

Hast du persönlich auch ein besonderes Faible für Fremdsprachen?

Ich mag fremde Kulturen und kulturelle Unterschiede. Sprachen finde ich faszinierend, da sie für mich die Umgebungen und die Mentalität der Menschen widerspiegeln. Beispielsweise das temperamentvolle Italienisch oder direkte Russisch. Ich selbst bin kein Sprachentalent, aber spreche sehr gut Englisch und habe Russisch und Spanisch gelernt.

Vor dem Schritt in die Selbständigkeit warst du also bei den Startups Runtastic und Jumio im Team. Wann ist bei dir der Unternehmergeist durchgebrochen? Warum wolltest du dein eigenes Ding machen?

Generell wusste ich immer, dass ich meine eigenen Ideen als Unternehmer umsetzen möchte. Nach dem Studium habe ich dem Karrieredruck zwar erst einmal nachgegeben und bei Siemens gearbeitet, dort jedoch bereits nach einigen Monaten gekündigt und mein Freelancer-Dasein gestartet. Dadurch bin ich auch mit der Startup-Szene in Kontakt gekommen. An echten Lösungen zu arbeiten und innovative Produkte von Grund auf mit aufzubauen ist um so viel spannender, als nur ein Rädchen in einer Organisation zu sein.

Noch vor deiner Karriere in der Startup-Branche hast du bei Siemens und im Finanzsektor gearbeitet. Was spricht aus deiner Sicht gegen eine Karriere als Angestellter?

Nichts spricht prinzipiell dagegen. Unternehmer sind nicht besser oder schlechter als Angestellte und umgekehrt. Ich denke wirklich, das ist Typ-Sache. Ich kenne viele, die sich als Unternehmer unwohl fühlen würden. Bei mir ist es umgekehrt: Ich fühlte mich als Angestellter wie ein Fisch im Trockenen. Gerade im Konzernumfeld, wo Ideen sehr lange zur Umsetzung brauchen und wo die Risikoscheu sehr hoch ist.

Wenn du zurückblickst: War der Schritt in die Startup-Szene der richtige? Oder hast du manchmal auch daran gezweifelt?

Der Schritt in die Startup-Szene war für mich definitiv der richtige. Egal ob Lingohub “the next big thing” wird. Ich habe jeden Tag Spaß in die Arbeit zu gehen und arbeite mit einem genialen Team zusammen. Gleichzeitig lerne ich jeden Tag interessante Leute kennen. Zweifel gibt es so nicht, aber gerade am Anfang muss man auch auf einiges verzichten. Wie zum Beispiel Gehalt. *lacht*

Was fasziniert dich an der Startup-Welt? Hast du Vorbilder, die dich als Unternehmer inspirieren?

Faszinierend finde ich die Geschwindigkeit und die Chancen. Noch nie war es so einfach, ein Unternehmen zu gründen und Zugang zu einer riesigen Kundschaft zu bekommen. Heutzutage ist der Markt für Software die ganze Welt.

Ich denke man kann von jedem etwas lernen. Daher habe ich einige Leute, die mich inspirieren, jedoch keine richtigen Vorbilder. Eigenschaften, die mich immer wieder inspirieren, sind Innovationsgeist und Durchhaltevermögen.

Wie wichtig sind Erfahrungen als „Nicht-Gründer“ für den Erfolg als Unternehmer?

Wirklich wichtig waren die Erfahrungen in den anderen Startups. Da habe ich schon einiges mitbekommen, das ich danach bei Lingohub umsetzen konnte. Man sieht Startups oft als Über-Die-Nacht-Erfolge. Die Wahrheit ist jedoch, dass viel Arbeit dahinter steckt, Fehler passieren und es eher ein Marathon als ein Sprint ist. Sowohl beim Angestellten als auch beim Unternehmer kommt es immer auf das Resultat an. Aber der Unterschied ist, dass der Unternehmer selbst sowohl für die Formulierung als auch das Erreichen des Resultats verantwortlich ist. Und zwar alleine.

Aus welchen Erfahrungen hast du bisher besonders viel gelernt? Was ist am wichtigsten, damit man als Gründer mit seiner Idee nicht untergeht?

Das A und O ist ein gutes Team. Die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Rollen in einem Startup sind ein nicht zu unterschätzender Faktor für Erfolg oder Misserfolg. Und als Gründer so ein Team zu leiten, lernt man nicht in einem Uni-Seminar. Darüber hinaus muss man wirklich viele Überlegungen in sein Konzept stecken, es immer und immer wieder in der Praxis testen und dann mit sehr viel eigener Energie vorantreiben. Als Startup-Gründer hat man eben nicht die Ressourcen eines Konzerns hinter sich. Um ein Ergebnis zu erreichen, man muss es sich selbst erkämpfen.

Wie finanziert ihr euch? Und Wie wird es mit Lingohub in nächster Zeit weitergehen?

Markus Merzinger und ich haben Lingohub mit eigenen Mitteln gegründet. Dann sind wir in den tech2b-Inkubator aufgenommen worden, wo wir unseren ersten Prototypen entwickelten. Derzeit finanzieren wir uns von zwei Seiten: Wir haben eine Forschungsförderung von der FFG erhalten und erwirtschaften auch selbst Umsätze.

Für unsere weiteren, ziemlich ehrgeizigen Ziele sind wir derzeit auch auf der Suche nach Investoren: Hauptsächlich mit dem Zweck, die Weiterentwicklung von Lingohub und das Wachstum noch schneller voran zu treiben.  

Aus Lingohub haben wir unglaublich viel gelernt und entwickeln unser Produkt an einigen Stellen noch weiter, um den Bedürfnissen der Kunden noch genauer zu entsprechen. Gleichsam ist Lingohub für uns aber ein Beispiel für einen Integrationspartner, den wir mit unserem aktuellen Projekt LingoIO bedienen können. LingoIO wird eine Rundum-Sorglos-Lösung für Übersetzer, mit der sie beispielsweise Inhalte aus Lingohub-Projekten übersetzen, neue Aufträge akquirieren und Kundenprojekte verwalten können. Das Wachstumspotential im Übersetzungsmarkt ermöglicht uns, zusammen mit Übersetzern aus aller Welt LingoIO zu einer international innovativen und hilfreichen Online-Lösung auszubauen, u.a. mit einer Vielzahl von Integrationen, beispielsweise für eCommerce oder Content Management.

Neben Lingohub gibt es im Raum Linz einige wirklich spannende und sehr erfolgreiche Startups wie zum Beispiel LineMetrics, Runtastic und Tractive. Wie schätzt du als Insider die Linzer Startup-Szene ein? Von welchen vielversprechenden Startups werden wir in nächster Zeit noch mehr hören?

Sicherlich nicht mehr unbekannt sind die LineMetrics, bei denen es um die Erfassung und Auswertung von Daten in der Industrie geht. Die Jungs sind einfach klasse drauf und arbeiten sehr hart. Das, kombiniert mit einer super Idee, kann nur aufgehen. Gerade jetzt, wo der Industriesektor langsam aufwacht und entdeckt welche Chancen neue Idee und Konzepte bringen. Das Stichwort lautet: Industrie 4.0.

Zwar nicht direkt aus Linz, aber in Perg ist Usersnap zuhause. Usersnap hat sich auf visuelles Feedback spezialisiert und eine geniale Integration in den Browser entwickelt. Damit wird die Kommunikation mit den Anwendern extrem erleichtert. Auch wir sind Usersnap-Kunden.

Und was möchtest du persönlich noch unbedingt in deinem Leben erreichen?

Für mich gibt es nicht “ein Ding” das ich noch unbedingt erreichen muss. Ich habe Ziele und Träume, die ich verfolge. Jedoch verändern die sich, so wie ich mich verändere.

Zurzeit fange ich wieder an, Salsa zu tanzen und lerne Gitarre zu spielen. Davor habe ich gelernt den Zauberwürfel zu lösen und bald will ich mit Kitesurfen starten. Man sieht, für mich zählen viele kleine Dinge, die ich jetzt mache und nicht ein großes, das irgendwann passieren soll.

 

Kommentarabgabe beendet.