Klartext: 11 Fragen an Katharina Norden, CEO von Three Coins

Jeder dritte Österreicher in Schuldenberatung ist unter 30 Jahre alt und im Durchschnitt mit knapp 28.000 Euro in den Miesen. Das Mobile Game Cure Runners richtet sich an genau solche jungen Menschen, besetzt aber Themen wie Finanzmanagement, Sparziele und Budgetplanung. Nicht sonderlich sexy. Cure Runners erreicht die Betroffenen trotzdem auf Augenhöhe. Wie genau, erklärt Katharina Norden im Gespräch mit internetszene.at. Sie hat das Game mitentwickelt. Mit uns hat sie über die Krux von überzogenen Konten, Armutsbekämpfung in Österreich und ihr Startup Three Coins gesprochen.

        

Viele Jugendlich in Österreich sind massiv überschuldet und haben große Mühe, sich aus der Schuldenfalle zu befreien. Mit deinem Startup und dem Spiel Cure Runners möchtest du dem entgegenwirken. Wie?

Laut Schuldenreport des ASB Dachverbandes der österreichischen staatlich anerkannten Schuldnerberatungen ist fast jeder dritte Klient unter 30 mit im Schnitt 27.900 Euro Schulden. Die Schuldensumme ist im Vergleich zum letzten Report zwar leicht gesunken, aber deshalb nicht weniger schockierend. Vor allem wenn man bedenkt, dass sich Schuldenkarrieren über die Zeit entwickeln und diese Jugendlichen erst am Beginn ihrer Geldprobleme stehen. Es wurde eine große Jugendstudie über Verschuldung in Oberösterreich durchgeführt, in der ein Drittel der befragten Jugendlichen es völlig normal findet, Schulden zu haben. Ein Großteil der Schulden entsteht durch mangelhaftes Wissen über den Umgang mit Geld. Das ist einer der am öftesten genannten Gründe für Überschuldung in Österreich.

Wir wissen, dass man bei Jugendlichen ansetzen muss, um einen nachhaltigen Effekt auf das Verhalten im Umgang mit Geld zu bewirken. Deshalb kam die Idee zu einem Game. Wir wollen die Notwendigkeit eines nachhaltigen Umgang mit Geld aufzeigen und gleichzeitig ein Lernumfeld schaffen, in dem die notwendigen Daumenregeln im Umgang mit Geld aufgezeigt und trainiert werden können. Das Ganze aber in Form eines „Freizeitgames“, das Spaß macht und eine coole Story erzählt.

Wie kam es schließlich zur Umsetzung eurer Idee?

Der Ideen Gegen Armut-Preis hat uns dazu inspiriert, eine innovative Idee zu erdenken, die eine Wurzelursache im Umgang mit Geld adressiert und nicht ein Symptom.

Das war die Idee eines Facebook-Games, in dem man mit Geld umgehen muss. Es sollte aber ein Spiel sein, das man nicht deswegen spielt, sondern weil es Spaß macht. Wie dieses Game dann konkret aussehen sollte, daran haben wir mit der Game-Designerin Doris Rusch und später dem Entwicklungsstudio ovos gearbeitet.

Wie genau lernt man denn durch das Spielen mit Geld umzugehen?

Einerseits arbeiten wir auf Story-Ebene mit einer Metapher für Geld: Die Ressource CURE ist für das physische Überleben in der Welt notwendig. Sie ist aber auch eine Währung, die sich wie Geld verhält. CURE hat in der Story eine emotionale und eine rationale Komponente, die Geld in der Wirklichkeit auch hat.

Andererseits haben wir die für uns wichtigsten Lerninhalte in das Gameplay selbst eingewebt. Die Lerninhalte für das Gameplay wurden gemeinsam mit den Schuldnerberatungen erarbeitet: Diese handeln zum Beispiel davon, die Ausgaben mit dem CURE Planer im Überblick zu behalten, den eigenen Konsum zu hinterfragen und verschiedene Angebote von fragwürdigen Gestalten abzulehnen, für unvorhersehbare Ereignisse wie einen Überfall oder eine Verletzung Geld zur Seite zu legen. Wir haben dabei immer ein besonderes Augenmerk darauf gelegt, wie die Lerninhalte auch im Spiel für sich einen Sinn machen.

Was meinst du, woran es liegt, dass so viele junge Leute Schwierigkeiten haben, ein Gespür für den richtigen Umgang mit Geld zu entwickeln?

Wir leben in einer Welt, die stark von Konsum und Status bestimmt wird. Allgegenwärtig vermitteln uns Werbekampagnen, was wir haben müssen, um zu erfolgreicheren, schöneren, besseren Menschen zu werden. Darüber hinaus verändert sich die Finanzwelt rasant. Alles wird digital und Geldbewegungen werden größtenteils unsichtbar. Die Verträge –  seien es Versicherungen, Kontokonditionen oder Zahlungsoptionen – sind komplex und werden oft nicht verstanden oder gar gelesen.

Zudem wird Finanzbildung nicht in der Schule gelehrt. Junge Menschen sind nach wie vor zum größten Teil davon abhängig, was ihnen Eltern und Peer Group über den Umgang mit Geld beibringen.

Konntest du selbst immer gut mit Geld umgehen? Oder warst du selbst auch einmal in der Situation, dass du an deiner Finanzkompetenz arbeiten musstest?

Ein Grund, warum ich Three Coins mitbegründet habe war, dass ich selbst den Umgang mit Geld als Herausforderung sehe. Ich war bereits selbst in der Situation, dass unerwartete Zahlungen reinkamen oder mein Konto überzogen war, weil ich die Übersicht verloren hatte. Eine gute Variante, um solchen Überraschungen vorzubeugen, ist, einen Budget-Tracker zu verwenden. Ich habe bis jetzt noch keinen gefunden, der genug Incentivierung bietet, um ihn immer zu verwenden. Aber deshalb arbeiten wir gerade selbst an einem intuitiven Budget-Tool, das mich immer wieder motiviert es zu verwenden und das sich automatisch auch mit meinen digitalen Geldbewegungen synchronisiert.

Wofür steht „Three Coins“? Wer seid ihr und was ist euer Background?

Das Team von Three Coins: Lena Robinson, Eva-Bettina Gruber und Katharina Norden © Matthias Branstetter

Three Coins besteht heute aus drei Jungunternehmerinnen mit Hintergründen in Recht, Wirtschaft, Anthropologie und Wirtschaftspädagogik. Wir arbeiten interdisziplinär quer über alle Felder und sehen uns selbst als Brückenbauerinnen zwischen Wirtschaft, Jugendarbeit und Sozialunternehmen. Wir schaffen Lernumfelder und unser stark digital orientiertes Modell umfasst Apps, Games und Workshops, die junge Menschen unter Anwendung von Gamification, Social Media und Storytelling im Umgang mit Geld trainieren sollen.

Was den Namen “Three Coins“ selbst angeht wurden wir von einem slowakischen Märchen über die “drei Groschen” eines Bettlers inspiriert.

Wieso sind dir Privatbankrotte und Verschuldung ein Anliegen? 

Mir sind Armutsbekämpfung und die Überbrückung von sozialen Ungleichheiten an sich ein Anliegen. Ich wollte immer schon an etwas arbeiten, das echte gesellschaftliche Veränderung herbeiführt und soziale gläserne Decken durchbrechen kann. Ich sehe, dass Verschuldung, monetärer Druck und schlimmstenfalls Privatkonkurse zu sozialer Ausgrenzung und dem Verlust von eigener Freiheit und Selbstbestimmung führen. Wenn es in einem Land wie Österreich noch so viele Menschen gibt, die mit Anfang oder Mitte zwanzig um einen Konkurs ansuchen müssen, dann gibt es noch viel zu tun!

Cure Runners richtet sich an Jugendliche, besetzt aber Themen wie Finanzmanagement, Sparziele, Budgetplanung. Nicht sonderlich sexy. Wie erreicht ihr die Jugendlichen trotzdem?

Um Jugendliche mit solchen Themen auf Augenhöhe zu erreichen, muss man in ihrer Sprache sprechen und sich in ihre Welten hineinbegeben. Der Gründer von Streetfootballworld meinte einmal in etwa: “Mit jungen Südafrikanern über Rassismus sprechen und sie zum Nachdenken anzuregen, habe ich nie geschafft. Bis ich es mit einem Fußball unterm Arm versucht habe.” Streetfootballworld ist heute eines der faszinierendsten Projekte, die effektiv Rassismus und Gewalt unter Jugendlichen adressieren.

Bei uns gibt es eine ähnliche Geschichte: Das Thema Geld löst bei Jugendlichen bestenfalls Langeweile, schlechterenfalls Minderwertigkeitsgefühle und Druck aus. Darum schließen sie die Scheuklappen, wenn man über das Thema reden will. Aber mit einem Mobile Game unterm Arm sieht die Situation anders aus. Plötzlich sind 14-jährige Burschen dazu bereit, vor ihrer ganzen Klasse mit uns über Konsumdruck und Überblick-Verlieren zu reflektieren. Die Worte Geld und Finanzen kommen übrigens in CURE Runners gar nicht vor.

Wir testen unsere Produkte außerdem in jedem Entwicklungsstadium mit Jugendlichen. Und wenn ihnen ein Workshop oder ein Produkt nicht gefällt, dann machen wir es nicht. Ansonsten wäre das Ganze ineffektiv.

Cure Runners wird bisher auch sehr gut angenommen. Wir sind wirklich zufrieden. Wir haben unsere persönliche Benchmark an Downloads schon in den ersten Wochen geknackt. Und zwar genau mit unserer Zielgruppe, den Jugendlichen.

Wir sehen, dass CURE Runners ein Spiel ist, das immer wieder in die Hand genommen wird –  genau das, was wir brauchen, um eine Verhaltensänderung zu bewirken. Eine Spielsession der User dauert im Schnitt 3 bis 10 Minuten – genau wie wir es erhofft haben. Das Game ist für die U-Bahn, die Schulpausen ideal. Auf unserer Launch-Tour durch Österreich sind wir vielen jungen Leuten begegnet, die CURE Runners bereits auf ihrem Handy hatten.

Wir sind zusätzlich gerade dabei, die Daten zum Spielverhalten auszuwerten, in denen wir die tatsächliche Wirkung des Games erkennen können. Das Spiel trackt – natürlich anonym –  den Financial Literacy Score der Spieler und zeigt, ob sie sich im Laufe dessen verbessern.

Wie finanziert ihr euch?

Wir haben anfangs Startup-Förderungen, Sponsorings und Awards erhalten sowie eine größere private Zuwendung. Damit konnten wir sicherstellen, dass wir Three Coins nachhaltig und unabhängig aufstellen können. Mittlerweile bekommen wir auch Beratungsaufträge, in denen wir unsere Expertise in dem Bereich an Firmen und Organisationen weitergeben können, und arbeiten auch bereits an neuen Produkten.

Was ist denn als Nächstes geplant?

Wir haben das letzte Jahr an einem Workshop-Programm gearbeitet, dass CURE Runners zur Lernintervention macht. Diese Workshops können in Klassenzimmern, Berufsbildungsprojekten und offener Jugendarbeit ihre Anwendung finden. Wie ich außerdem bereits erwähnt habe, arbeiten wir daran den CURE Tracker, der im Spiel vorkommt, als App für das eigene Geldmanagement auf den Markt zu bringen. Wir denken bereits über Internationalisierung nach und bringen das Spiel nächstes Jahr nach Serbien.

Mit Three Coins werdet ihr also zunehmend in Ost- und Südosteuropa aktiv. Wie schätzt du das Potential der Startup-Szene im CEE-Raum ein?

Die Startup-Szene in CEE ist stark am Wachsen. Mit inventures.eu hat sich sogar ein Fachmedium auf die Geschichten von Gründern in CEE spezialisiert. Wir strecken unsere Fühler bereits in die Nachbarländer aus, um Kollaborationspartner zu finden und Three Coins zu internationalisieren.

 

 

Kommentarabgabe beendet.